Präventionsprojekt zieht Bilanz und präsentiert Ergebnisse

2005 startete an der Berliner Charité, unterstützt durch die VolkswagenStiftung, das Projekt „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld“, kurz „Präventionsprojekt Dunkelfeld (PPD)“. Seitdem wird dort für Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen und freiwillig und ohne juristische Auflagen Hilfe suchen, spezifische Diagnostik und Therapie unter Schweigepflicht angeboten. Seit 2008 und bis Ende 2016 wird das Angebot vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) finanziell gefördert. Die Zwischenfinanzierung der therapeutischen Arbeit des Berliner Standortes für das Jahr 2017 übernimmt der Berliner Senat. Heute präsentierte der Berliner Standort des Präventionsnetzwerks „Kein Täter werden“ im Tagungszentrum im Haus der Bundespressekonferenz aktuelle Ergebnisse und formulierte Ziele.

Ziel des Präventionsprojektes war und ist es, Sexualstraftaten an Kindern sowie die Nutzung von Missbrauchsabbildungen (sogenannte Kinderpornographie) durch die therapeutische Behandlung von Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, bereits im Vorfeld zu verhindern. Im Rahmen der heutigen Pressekonferenz stellte Prof. Klaus M. Beier, Sprecher des Netzwerks „Kein Täter werden“und Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Berliner Charité Ergebnisse einer aktuellen Berliner Nachuntersuchung vor. Prof. Beier: „Bereits erste wissenschaftliche Evaluationen des Projektes haben eindeutig gezeigt, dass das Behandlungsprogramm geeignet ist, bekannte Risikofaktoren für sexuellen Kindesmissbrauch zu senken und bei den Betroffenen eine erfolgreiche Verhaltenskontrolle aufzubauen. Aus aktuellen Nachuntersuchungen, die im Schnitt fünf Jahre nach der Behandlung durchgeführt wurden, wissen wir, dass keiner der Teilnehmer nach der Therapie sexuellen Missbrauch von Kindern oder Jugendlichen begangen hat."

Die Inanspruchnahme des therapeutischen Angebots ist weiterhin ungebrochen: 7.075 Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet haben sich bis Ende September 2016 Hilfe suchend an das 2011 gegründete Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ gewendet. 2.298 Personen stellten sich an einem der Standorte zur Diagnostik und Beratung vor, 1.264 von ihnen konnte ein Therapieangebot gemacht werden. Insgesamt haben seitdem 659 Teilnehmer die Therapie begonnen und 251 erfolgreich abgeschlossen. 265 befinden sich aktuell in einzel- und gruppentherapeutischer Behandlung. Interessenten, die aufgrund zu weiter Anreisewege keine Diagnostik und Therapie an einem der Standorte in Anspruch nehmen können oder bei denen Faktoren vorliegen, die eine Aufnahme in das Therapieprogramm zumindest vorerst verhindern (z.B. schwere psychische Störungen, Substanzabhängigkeit etc.) werden den Gegebenheiten angemessene Therapiealternativen vermittelt.

Christiane Wirtz, Staatssekretärin im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, unterstrich die besondere Relevanz des Projektes: "Die meisten Fälle von Kindesmissbrauch finden im sogenannten Dunkelfeld statt und bleiben unerkannt. Es gibt Studien, nach denen die Dunkelziffer sexuellen Kindesmissbrauchs bis zu 30-fach höher liegen soll, als aus amtlichen Statistiken hervorgeht. Am sinnvollsten und am besten für alle Beteiligten ist es deshalb, bereits anzusetzen, bevor etwas passiert. Prävention ist der beste Opferschutz. Deshalb hat sich das damalige Bundesministerium der Justiz bereits sehr frühzeitig bei der Finanzierung des Präventionsprojekts Dunkelfeld engagiert. Zwar kann das BMJV das Projekt aus rechtlichen Gründen nicht mehr wie bislang weiterfinanzieren. Um dieses wichtige Angebot jedoch zu erhalten, haben wir uns - zusammen mit dem Gesundheitsministerium und dem Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" - zum Ziel gesetzt, den erprobten Behandlungsansatz dauerhaft im Bereich der Gesundheitsvorsorge zu verankern. ", sagte Christiane Wirtz.

Ein Ziel, dass das Netzwerk seit vielen Jahren verfolgt. Prof. Uwe Hartmann, stellvertretender Sprecher des Präventionsnetzwerks und Sexualmediziner der Medizinischen Hochschule Hannover sagte im Rahmen der heutigen Pressekonferenz: „Pädophile Menschen haben in der Regel starke psychische Belastungssymptome: Sie sind gehemmter und ängstlicher, weil sie wissen, dass die Mehrheit der Gesellschaft sie mit Sexualstraftätern gleichsetzt und dafür ausgrenzt. Die Folge dieser sozialen Stigmatisierung: Sie isolieren sich, sind stärker und häufiger depressiv und nehmen mit diesen oder ähnlichen Problemen früher oder später sowieso das Gesundheitssystem in Anspruch -auch wenn sie die wirkliche Ursache in der Regel aus Scham verschweigen. Wir leisten mit unserem therapeutischen Angebot direkte Gesundheitsprävention. Und das gilt ja insbesondere auch dafür, dass wir damit potentielle Opfer und deren oftmals lebenslange und kostenintensive therapeutische Behandlung verhindern.“

Auch das Bundesministerium für Gesundheit unterstützt die Bemühungen des Präventionsnetzwerks. Lutz Stroppe, Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit: „Sexueller Missbrauch von Kindern und der damit verbundene Verlust von Vertrauen und Geborgenheit ist für die Opfer meist ein traumatisches Erlebnis. Viele Betroffene leiden ein Leben lang und sind auf medizinische und psychotherapeutische Behandlung angewiesen. Die Verhinderung von sexuellem Missbrauch von Kindern ist eine Aufgabe, die alle angeht. Es geht darum, ihn bereits in seiner Entstehung zu verhindern. Gezielte Therapieangebote können helfen, dass Menschen mit pädophilen Neigungen lernen, diese so zu kanalisieren, dass sie sie nicht ausleben, sondern sicher kontrollieren. Deshalb soll mit einer Gesetzesänderung der GKV-Spitzenverband beauftragt werden, ein Modellvorhaben aufzulegen und zu finanzieren. Damit leistet auch das Gesundheitswesen einen zusätzlichen und zielführenden Beitrag. Von der wissenschaftlichen Evaluierung erwarten wir Erkenntnisse, ob und wie das Angebot in die Regelversorgung übernommen werden kann.“

Für Jerome Braun, Geschäftsführer der Kinderschutzstiftung „Hänsel+Gretel“, die das Projekt seit 2005 unterstützt, ist das therapeutische Angebot im Präventionsnetzwerk ein wichtiger Baustein in der Prävention sexuellen Kindesmissbrauchs: „Das Hilfsangebot für Menschen mit pädophiler Neigung verfolgt, genau wie die Prävention in Kindergärten und Schulen, das Ziel, Kindesmissbrauch zu verhindern. Vorbeugende Maßnahmen sind Kinderschutz, das gilt insbesondere für therapeutische Angebote für potentielle Verursacher sexuellen Missbrauchs. Und hierzu zählen Menschen mit pädophiler Sexualpräferenz. Jede verhinderte Tat schützt ein Kind.“

Pressekontakt:
Jens Wagner, Tel. (030) 450 529 307, Fax -992
E-Mail: jens.wagner@charite.de

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