FAQ Datenschutz und therapeutische Haltung im Netzwerk KTW und im Projekt PPJ

6. Juni 2018

1. Wie handhaben Sie den Datenschutz in Ihrem Projekt?

Der Datenschutz in den Projekten „Präventionsprojekt Dunkelfeld“ (PPD) bzw. im Netzwerk „Kein Täter werden“ www.kein-taeter-werden.de und im „Präventionsprojekt für Jugendliche“ (PPJ; www.du-traeumst-von-ihnen.de) wurde seit Beginn der Projekte entsprechend den Vorgaben der zuständigen Ethik-Kommissionen gehandhabt, wonach die Projekte des Berliner Standortes vom Datenschutzbeauftragten der Charité gesichtet und deren adäquate Durchführung unter Datenschutzbestimmungen geprüft sowie abschließend bestätigt wurde.
Nach hiesigem Kenntnisstand erfolgte die Vorgehensweise bei allen anderen Standorten des Netzwerkes entsprechend.
Mit der seit Januar 2018 etablierten Förderung durch den Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung gemäß § 65d SGB V wurden darüber hinaus die zuständigen Landesbeauftragten für Datenschutz um nochmalige Überprüfung des Vorgehens gebeten, um auf diese Weise die im Rahmen der Förderverträge festgelegten Bedingungen zu erfüllen.

1.1. In wieweit unterscheidet sich dieser zwischen den verschiedenen Standorten und wurden die Landesdatenschutzbeauftragten mit einbezogen?

Es handelt sich um ein einheitliches Vorgehen der verschiedenen Standorte des Netzwerkes ‚Kein Täter werden‘. Im Rahmen des GKV-Modellvorhabens werden die Landesdatenschutzbeauftragten einbezogen, die sich ggfs. auf die Vorarbeiten der Datenschutzbeauftragten der einzelnen Universitätskliniken beziehen können. Gleiches gilt für das „Präventionsprojekt für Jugendliche“ (PPJ) am Berliner Standort.

1.2. Ist an irgendeiner Stelle die Angabe eines Klarnamens Voraussetzung für die Teilnahme an den Projekten „Kein Täter werden“ und „Du träumst von ihnen“?

Im Rahmen der Förderung durch den Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung gemäß § 65d SGB V seit Januar 2018 ist die Anonymität der Patienten zu gewährleisten. Diese darf nur eingeschränkt werden, soweit die Patienten dazu ihre Einwilligung erteilen. Daher ist die Angabe eines Klarnamens keine Voraussetzung für die Teilnahme an einer Therapie.

1.3. Ist eine Teilnahme ohne Klarnamen möglich?

Ja.

1.4. Welche Daten von den Teilnehmern werden erhoben und zu welchem Zweck?

Im PPD und PPJ werden – bei Einverständnis der Projektteilnehmer – das Herkunftsbundesland (Zweck: Beschreibung der Inanspruchnahmepopulation/gegebenenfalls Weitervermittlung in Wohnortnähe bei langen Anfahrtswegen) sowie eine Kontaktmöglichkeit (Zweck: Terminverschiebungen) erhoben. Im PPJ wird darüber hinaus das Geburtsdatum bzw. das Alter erfragt (Zweck: Sicherstellung der Anwendbarkeit normierter diagnostischer Verfahren). Die Teilnehmer sind zu keiner dieser Angaben verpflichtet.
Nach einem ersten Gespräch erfolgen testdiagnostische Erhebungen. Mit Hilfe standardisierter Verfahren sollen mögliche psychiatrische Auffälligkeiten erhoben, ein Intelligenztest durchgeführt, die familiäre und sexuelle Entwicklung exploriert sowie möglicherweise vorliegende Risikofaktoren für sexuelle Übergriffe erfragt werden. Bei den Untersuchungen handelt es sich primär um strukturierte Interviews und Fragebögen, die sowohl per Hand, als auch am Computer ausgefüllt werden. Relevante Gesprächsinhalte werden seitens des Therapeuten schriftlich dokumentiert. Während der Testungen ist stets ein_e geschulte_r Mitarbeiter_in für Rückfragen und Unterstützung anwesend.

Alle im Rahmen der geführten Interviews und diagnostischen Untersuchungen erfassten Daten werden pseudonymisiert.

Ein erweiterter Überblick über die Vorgehensweise im PPD und PPJ findet sich u.a. in den folgenden beiden Publikationen:

• PPD: Beier, K. M., Grundmann, D., Kuhle, L. F., Scherner, G., Konrad, A., & Amelung, T. (2015). The German Dunkelfeld Project: A Pilot Study to Prevent Child Sexual Abuse and the Use of Child Abusive Images. The Journal of Sexual Medicine, 12(2), 529-542.
• PPJ: Beier, K. M., Oezdemir, U. C., Schlinzig, E., Groll, A., Hupp, E., & Hellenschmidt, T. (2016). “Just Dreaming of Them”: The Berlin Project for Primary Prevention of Child Sexual Abuse by Juveniles (PPJ). Child Abuse & Neglect, 52, 1-10.

1.5. Wo und in welcher Form werden diese Daten aufbewahrt?

Sofern personenbezogene Daten von den Teilnehmern mitgeteilt werden, werden diese in einer separaten Datenbank geführt. Diese Daten werden unabhängig und getrennt von den im Verlauf erfassten pseudonymisierten Daten behandelt. Die Vorschriften über den Sozialdatenschutz (insbesondere §§ 67 - 85a SGB X) werden beachtet. Gemäß der gesetzlichen Regelung in § 65d Absatz 1 Satz 3 SGB V gilt für die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung personenbezogener Daten im Rahmen der Modellvorhaben § 63 Absatz 3 Satz 1 und 4, Absatz 3a und 5 SGB V entsprechend. Die personenbezogenen Daten von Teilnehmern des PPD und PPJ werden elektronisch gespeichert. Pseudonymisierte Angaben im Rahmen der Exploration und der Testdiagnostik werden in den Räumlichkeiten der entsprechenden Projekte verschlossen aufbewahrt. Das Vorgehen ist durch den Datenschutzbeauftragten der Charité Berlin geprüft und folgt dessen Vorgaben (siehe www.charite.de/service/datenschutz).
Zusätzlich wird durch den Datenschutzbeauftragten der Charité das Vorgehen entsprechend der genannten gesetzlichen Vorgaben mit dem Landesbeauftragten für Datenschutz abgestimmt. Die gemachten Angaben beziehen sich entsprechend auf das PPD und PPJ am Berliner Standort (Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité - Universitätsmedizin Berlin).

1.6. Welche Daten werden in der sogenannten Einwilligungserklärung erhoben?

Bei der Einwilligungserklärung werden keine zusätzlichen personenbezogenen Daten erhoben. Der Teilnehmer erklärt sich bei bestehender Einwilligung bereit, diese zu unterschreiben, wobei dies durch Unterschrift mit Klarnamen oder durch Angabe der PIN erfolgen kann. Dieses Vorgehen ist ebenfalls mit dem Datenschutzbeauftragten der Charité – Universitätsmedizin Berlin zu Beginn des Projektes geprüft worden.

1.7. Lässt sich die PIN der jeweiligen Einwilligungserklärung oder anderen Daten zuordnen? Wenn ja, wie?

Alle diagnostischen und therapeutischen Daten werden ausschließlich unter der PIN erfasst. Die ggf. gemachten personenbezogenen Daten (Name, Herkunftsbundesland, Kontaktmöglichkeit) können von wenigen Mitarbeitern der PIN zugeordnet werden.

1.8. Wer hat Zugang zu welchen Daten und wie wird ein unberechtigter Zugang verhindert?

Zugang zu den Daten haben ausschließlich die der Schweigepflicht unterstehenden Projektmitarbeiter_innen. Alle Datenbanken sind mit Passwörtern geschützt und liegen auf internen Servern. Alle handschriftlich erfassten und anonymisierten Daten sind in verschlossenen Aktenschränken aufbewahrt, deren Zugang nur Projektmitarbeitern möglich ist.

1.9. Unter welchen Umständen werden welche Daten von wem eingesehen?

Alle Daten zu einer Person, unabhängig ob personenbezogenen oder im Rahmen des diagnostischen/therapeutischen Prozesses erhoben, werden ausschließlich von am Fall beteiligten Behandlern sowie der Projektleitung eingesehen.

1.10. Unter welchen Umständen werden welche Daten an wen weitergegeben?

Sollte sich ein Projektteilnehmer bzw. bei Jugendlichen auch seine Sorgeberechtigen dafür entscheiden, die im Rahmen der Projekte tätigen Mitarbeiter gegenüber externen Behandlern oder zuständigen Versorgern (z.B. Betreuer in einer Jugendhilfeeinrichtung), aber auch Angehörigen etc. schriftlich der Schweigepflicht zu entbinden, kann ein Austausch mit etwaigen Personen stattfinden.

1.11. Gibt es unter irgendwelchen Umständen eine Möglichkeit für die Krankenkassen die Einverständniserklärungen oder andere Daten einzusehen?

Nein.

1.12. Wie stellen Sie sicher, dass potenzielle Teilnehmer die Möglichkeit haben anonym und sicher mit Ihnen Kontakt aufzunehmen?

Es besteht zu keinem Zeitpunkt eine Pflicht zur Angabe personenbezogener Daten. Die Websites sind nach dem Sicherheitsstandard https erstellt. Alle Websites sind so programmiert, dass die IP-Adressen der Besucher anonymisiert und damit nicht nachvollziehbar sind (siehe auch https://www.kein-taeter-werden.de/story/datenschutzerklaerung.html).
Der telefonische Kontakt kann mit unterdrückter Nummer stattfinden. Die Übertragung der Daten aus dem Kontaktformular der Website www.kein-taeter-werden.de, für das anstatt des Namens auch ein Pseudonym gewählt werden kann bzw. gar keine Angabe gemacht werden muss, erfolgt verschlüsselt. Der Kontakt per E-Mail unterliegt den strengen Empfehlungen des Datenschutzes an der Charité (siehe www.charite.de/service/datenschutz/).

1.13. Sind auf direktem Weg zu Räumlichkeiten, in denen die Therapie in den Projekten KTW oder "Du träumst von ihnen" stattfindet, Überwachungskameras angebracht? Wenn ja, wie lange werden diese Aufnahmen gespeichert?

Es sind bei den Standorten des PPD und PPJ in Berlin keine Überwachungskameras angebracht. Nach hiesigem Kenntnisstand gilt das auch für die anderen Standorte des Netzwerkes „Kein Täter werden“.

1.14. Wie stellen Sie sicher, dass keiner der Teilnehmer auf einer Aufzeichnung zu sehen ist?

Entfällt.

1.15. Wie gehen Sie mit expliziten Anfragen nach der Teilnahme einer bestimmten Person um? Unter welchen Umständen würden Sie eine derartige Anfrage beantworten?

Der expliziten Anfrage nach der Teilnahme einer bestimmten Person wird nicht stattgegeben, sondern auf die Schweigepflicht verwiesen. Eine derartige Anfrage würde nur bei mit Klarnamen schriftlich ausgestellter Schweigepflichtentbindung des Projektteilnehmers bearbeitet, wenn die anfragende Person sowie der Behandler explizit benannt sind. In einem solchen Falle findet eine Aufklärung über die möglichen Folgen mit dem Projektteilnehmer statt.

2. „Du träumst von ihnen
2.1. Wie viel Prozent der Teilnehmer von "Du träumst von ihnen" haben sich von sich aus gemeldet, ohne dass Eltern oder andere Bezugspersonen davon wussten?

Bei Erstkontakt (telefonisch/via E-Mail) beschreiben die meisten eigenmotiviert anfragenden Jugendlichen, sich bisher niemanden anvertraut zu haben. Zur persönlichen Erstvorstellung erscheint ein geringer Prozentsatz ohne das Wissen von Bezugspersonen. Es handelt sich um ca. 20% der Erstanfragen, die von selbstmotivierten Jugendlichen stammen, wobei der Prozentsatz in der Tendenz seit Projektbeginn stetig ansteigt.

2.2. Wie viel Prozent der Teilnehmer von "Du träumst von ihnen" outen sich bei jemanden, nachdem sie sich bei Ihnen gemeldet haben?

Diese Information wird nicht systematisch erfasst und fällt entsprechend in den Bereich des Datenschutzes unserer Projekteilnehmer.

2.3. Wie viel Prozent der Teilnehmer von "Du träumst von ihnen" sind unter 14, wie viel über 14?

Die Projektinteressenten sind zum Zeitpunkt der Erstvorstellung im Durchschnitt 15.5 Jahre alt. Von den Jugendlichen, welche die Eingangsdiagnostik vollständig abgeschlossen haben, sind knapp 12% unter 14 Jahren, 88% sind 14 Jahre oder älter. Die gleiche prozentuale Verteilung gilt für die Jugendlichen, die im Verlauf des Projektes therapeutisch angebunden waren oder sind.

2.4. Wie stellen Sie sicher, dass nicht doch Druck auf die Kinder oder Jugendlichen ausgeübt wird bei diesem Projekt teilzunehmen?

Über Abklärung der Eigen- und Fremdmotivation der Jugendlichen im Rahmen der diagnostischen Phase sowie bei Einverständnis des Jugendlichen über einen offenen Austausch mit den Bezugspersonen. Darüber hinaus werden vorrangig Jugendliche aus dem juristischen Dunkelfeld therapeutisch angebunden, eine Verpflichtung zur Therapie im Rahmen z.B. von juristischen Verfahren besteht damit nicht. Zu beachten ist, dass ca. Dreiviertel der vorstellig werdenden Jugendlichen bereits sexuelle Verhaltensauffälligkeiten gegenüber Kindern gezeigt haben (i.S. sexueller Kindesmissbrauch und/oder Nutzung von Missbrauchsabbildungen), was im Umkehrschluss die soziale Integration der Jugendlichen selbst bedroht und deren Motivation erhöht, zur Klärung der Situation selbst beizutragen.

3. Bieten Sie auch Beratungen für pädophile Menschen außerhalb des therapeutischen Programms an? Wenn ja, wie?

Ja, über die am jeweiligen Standort verfügbaren ambulanten Möglichkeiten.

4. Gibt es Pläne eine Therapie auch über sichere Onlinekommunikation zu ermöglichen?

Unsere Websites sind nach dem Sicherheitsstandard https erstellt. Alle Websites sind so programmiert, dass die IP-Adressen der Besucher anonymisiert und damit nicht nachvollziehbar sind (siehe https://www.kein-taeter-werden.de/story/datenschutzerklaerung.html).
Der telefonische Kontakt kann mit unterdrückter Nummer stattfinden. Die Übertragung der Daten aus dem Kontaktformular der Website www.kein-taeter-werden.de, für das anstatt des Namens auch ein Pseudonym gewählt werden kann bzw. gar keine Angabe gemacht werden muss, erfolgt verschlüsselt. Der Kontakt per E-Mail ist auch durch die strenge Überwachung des Datenschutzes an der Charité (siehe www.charite.de/service/datenschutz/) bestmöglich gewährleistet.

Darüber hinaus hat das Institut für Sexualmedizin und Sexualwissenschaft mit Unterstützung der Ecovis-Stiftung und der IT-Firma EIKONA (Volkach) das Online-Programm „Troubled Desire“ entwickelt. Die internetassistierte Selbsthilfe-Plattform richtet sich national und international an Personen mit einer sexuellen Präferenz für Kinder, die Hilfe im Umgang mit ihrer Neigung suchen. Die jahrelangen Erfahrungen des in Deutschland etablierten Präventionsprojektes Dunkelfeld (kein-taeter-werden.de) werden mit Troubled Desire ins World Wide Web übertragen.

Die Selbsthilfe-Plattform Troubled Desire bietet die Möglichkeit kostenlos online, anonym und unter Schweigepflicht eine Basisdiagnostik zu durchlaufen, um zu erfahren ob eine sexuelle Ansprechbarkeit für das vor- oder frühpubertäre Körperschema vorliegt. Hieraus ergibt sich, bezogen auf die lokale Gesetzgebung, sowohl die Möglichkeit Kontakt zu Therapeutinnen oder Therapeuten aufzunehmen, in jedem Fall jedoch das Selbsthilfe-Programm in Anspruch zu nehmen. Die Zugriffe auf die Online Diagnostik werden über einen kryptischen Code gespeichert, der nur dem Nutzer bekannt ist und einen erneuten Zugriff zu einem späteren Zeitpunkt ermöglicht. Alle Antworten werden unter diesem Code gespeichert, die Zuordnung zu einer real existierenden Person ist nicht möglich. Personenbezogene Daten werden nicht erhoben und IP-Adressen ausschließlich anonymisiert gespeichert. Onlinekommunikation findet über die Selbsthilfe-Plattform aktuell nicht statt.

5. Wird das sogenannte Ampelsystem noch irgendwo innerhalb von KTW angewendet? Wenn ja, wo und von wem.

Im Rahmen der Therapie wird mit jedem Probanden ein eigenes Risikomodell entwickelt. Es wird individuell die persönliche Bildernutzung und der Kontakt zu Kindern auch außerhalb von legal relevantem Verhalten entsprechend des Risikos und der möglichen Risikoentwicklung eingeordnet. Das erfragte „sogenannte Ampelsystem“ orientiert sich im Gegensatz dazu an allgemeinen Kriterien für die Nutzung von Missbrauchsabbildungen sowie sexuellen Kindesmissbrauch und dient dessen Veranschaulichung.

6. Sind ihnen Fälle bekannt in denen Teilnehmer von KTW dazu gedrängt wurden sich vor dritten als pädophil zu outen? Wenn ja: Was tun sie um das in Zukunft zu verhindern?

Diese Fälle sind uns beim PPD und PPJ am Berliner Standort nicht bekannt.

7. Sind Ihnen wissenschaftliche Belege für Ihre immer wieder getätigte Aussage, dass einvernehmliche sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen nicht möglich seien, bekannt?

Es ist davon auszugehen, dass nur Erwachsene (i.S. Personen über 18 Jahren) gleichberechtigte Sexualpartner sind, soweit ihre körperliche, mentale und ökonomische Situation es ihnen ermöglicht, unabhängige, freie und zwanglose Entscheidungen zu treffen, an sexuellen Interaktionen teilzunehmen und soweit sie über Inhalte, Ausführung und Konsequenzen der Interaktion aufgeklärt sind.
Hinsichtlich des zustimmungsfähigen Alters betont der Sozialwissenschaftler David Finkelhor (1979) die Differenzierung zwischen „einfacher Zustimmung“ (z.B. einem Kind, das passiv zuzustimmen oder sogar kooperativ scheint) und „informierter Einwilligung“. Mit informierter Einwilligung bezieht er sich auf die entwicklungspsychologische Unfähigkeit / Unreife von Kindern, sexuelle Aktivitäten eindeutig zu verstehen und diesen zustimmen zu können, um als gleichberechtigte Partner gelten zu können. Dies entspricht auch den Ergebnissen wissenschaftlicher Langzeitstudien zur menschlichen Hirnentwicklung, die aufzeigen, dass Reifungsprozesse des Gehirns bis in die späte Adoleszenz hineinreichen (ca. 18. - 21. Lebensjahr; Casey et al., 2000; Giedd et al., 1999).
Insbesondere frontale Hirnregionen, welche für die Planung, Verhaltenskontrolle, Risikoeinschätzung und das kritische Denken zuständig sind, reifen zuletzt (Blakemore et al., 2006).
Somit ist es für Minderjährige vor oder während der Pubertät unmöglich, ihre Einwilligung bezüglich sexueller Handlungen vor und mit erwachsenen Personen (über 18 Jahren) realistisch einzuschätzen, was Inhalt, Durchführung und mögliche Konsequenzen sowie (Langzeit-)Folgen ihres Verhaltens oder des Verhaltens anderer für sie oder für andere anbelangt.
Jedes sexuelle Verhalten ohne Einwilligung des Partners ist als direkter sexueller Missbrauch zu verstehen. Jede Darstellung eines uneingewilligten sexuellen Verhaltens ist als indirekter sexueller Missbrauch zu verstehen.

• Casey, B. J., Giedd, J. N., Thomas, K. M., 2000. Structural and Functional Brain Development and its Relation to Cognitive Development. Biological Psychology 54 (1), 241-257.
• Giedd, J. N., Blumenthal, J., Jeffries, N. O., Castellanos, F. X., Liu, H., Zijdenbos, A., Paus, T., Evans, A. C., Rapport, J. L., 1999. Brain Development during Childhood and Adolescence: a Longitudinal MRI Study. Nature 2 (10), 861-863.
• Blakemore, S. J., Choudhury, S., 2006. Development of the Adolescent Brain: Implications for Executive Function and Social Cognition. Journal of Child Psychology and Psychiatry 47 (34), 296-312.

Soviel zum wissenschaftlichen Hintergrund.

Das Thema „Einvernehmlichkeit“ ist in seiner Komplexität nur schwer pauschal zu beantworten. Unter anderem müssen juristische, klinische und persönliche Aspekte auseinandergehalten werden. Einvernehmlichkeit ist dabei ein Begriff, der sich in erster Linie auf eine juristische Ebene bezieht. Selbstverständlich gelten für uns im Netzwerk „Kein Täter werden“ (wie für alle Menschen auf deutschem Staatsgebiet) die hiesigen juristischen Rahmenbedingungen und wir richten uns danach. Nach diesen ist eine Einwilligung in sexuelle Handlungen für Menschen vor Vollendung des 14. Lebensjahres nicht möglich. Sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern ab dem vollendeten 14. Lebensjahr sind unter gewissen Einschränkungen möglich.
In Bezug auf die möglichen negativen Folgen für die Kinder und Jugendlichen ist die Forschungslage noch wesentlich uneinheitlicher, auch angesichts der sehr unterschiedlich fortgeschrittenen sexuellen Entwicklung der Kinder in diesem Alter.
Auch wenn nicht alle Kinder, die vor der Pubertät sexuelle Kontakte mit Erwachsenen hatten, eine Traumafolgestörung entwickeln, lässt sich nach unserem Wissen über den derzeitigen Forschungsstand nicht vorhersagen, aus welchen sexuellen Kontaktsituationen welche Kinder wie traumatisiert hervorgehen und welche nicht. Damit ist ein sexueller Kontakt zwischen einem Erwachsenen und einem Kind immer mit einem Risiko einer weitreichenden Schädigung für das Kind verbunden. Da das Kind diese langfristigen Konsequenzen noch weniger abschätzen kann als der Erwachsene, sehen wir die Verantwortung in der Situation ganz klar beim Erwachsenen.

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