Hilfe für Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen
Wir bieten einen geschützten Rahmen und ein wissenschaftlich fundiertes Therapiekonzept, nach dem im Netzwerk bislang 2.722 Menschen behandelt wurden (Stand 31.12.2025). Wir erarbeiten mit Personen mit sexuellem Interesse an Kindern Wege zu einem gesetzeskonformen, zufriedenen und sozial integrierten Leben.


Teilnahmevoraussetzungen
Unser Angebot richtet sich an Frauen und Männer, Jugendliche und Erwachsene, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen.
Sie können sich an uns wenden,
- wenn Sie deshalb niedergeschlagen und beeinträchtigt sind,
- wenn Sie bisher keine Straftaten begangen haben, aber befürchten, es in Zukunft zu tun,
- wenn Sie bereits sexuelle Übergriffe begangen oder Missbrauchsabbildungen (juristisch: kinderpornografische Inhalte) genutzt haben und die Justiz davon nichts weiß,
- wenn Sie dafür angezeigt oder verurteilt wurden und das Verfahren abgeschlossen ist.
Läuft gegen Sie ein Ermittlungs- oder Strafverfahren, können wir Sie in dieser Zeit nicht behandeln. Melden Sie sich wieder, wenn das Verfahren abgeschlossen ist, eine verhängte Strafe verbüßt ist und keine Auflagen der Justiz mehr bestehen, etwa Bewährung oder Führungsaufsicht.
Ablauf und Ziele
Die Therapie erfolgt kostenlos und unter Schweigepflicht
Die Kosten tragen die gesetzlichen Krankenkassen, an einzelnen Standorten das Land – unabhängig davon, ob und wie Sie versichert sind. Wir unterstützen Sie, wenn Sie sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, darunter leiden und deswegen Hilfe suchen. Sie lernen Strategien, um diesen Bereich Ihres Lebens zu bewältigen und sexuelle Impulse gegenüber Kindern zu kontrollieren.
Ihr Therapieplan wird individuell erarbeitet
Die Behandlung folgt einem strukturierten Therapieplan, berücksichtigt aber Ihre individuellen Bedürfnisse und erfolgt in Absprache mit Ihnen. Sie integriert psychologische, sexualwissenschaftliche und medizinische Ansätze sowie die Möglichkeit einer zusätzlichen medikamentösen Unterstützung. Ob Angehörige einbezogen werden können, erfahren Sie beim Standort.
Ziele der Therapie
| Keine sexuellen Übergriffe begehen und keine Missbrauchsabbildungen nutzen | |
| Die Lebenszufriedenheit verbessern und möglicherweise bestehende Angst und Schuldgefühle bewältigen | |
| Ihre sexuellen Wünsche und Bedürfnisse angemessen wahrnehmen und bewerten | |
| Fremdgefährdende Entwicklungen identifizieren und bewältigen |
Erfahrungsberichte von hilfesuchenden Personen mit sexuellem Interesse an Kindern
Sämtliche Zitate stammen von Menschen, die eine Therapie im Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ absolviert haben oder sich zum Zeitpunkt der Interviews in Therapie befanden. Sie sprechen über ihre Erfahrungen und geben weiter, wie sie lernen bzw. gelernt haben, mit ihrer sexuellen Präferenz und ihren Fantasien zu leben.
Mit 15 oder 16 habe ich gemerkt, dass ich mich Jüngeren zugewandt fühle – ein eigenartiges Gefühl, weil man normalerweise eher die Gleichaltrigen interessant finden sollte. Zu dem Zeitpunkt fand ich aber die zehn- oder zwölfjährigen Mädchen interessanter. In dem Alter mit 15 ist das ja noch okay, aber ich fand es komisch. Dann habe ich es verdrängt. Als es mit 18 oder 19 immer noch so war, dass Jüngere für mich interessanter waren, habe ich angefangen, mir ernsthaft Gedanken zu machen. Bis Mitte 20 hatte ich immer das Gefühl, okay, das kriege ich schon irgendwie in den Griff.
Als sich meine Freunde, im Gegensatz zu mir, für gleichaltrige Mädchen interessiert haben, wurde mir klar, dass ich anders bin, konnte es aber noch nicht richtig einordnen. Mitteilen konnte ich mich niemandem, die Angst davor war einfach zu groß. So habe ich mich immer versteckt und bin unangenehmen Fragen ausgewichen.
Es war irritierend, und ich fühlte mich nicht ganz normal, habe das aber immer zur Seite gedrängt und dachte, das ist vielleicht nur so eine Phase, die ich durchlebe und dass sich das später noch mal ändern wird.
Das erste Mal habe ich ungefähr im Alter von 24 Jahren gemerkt, dass ich mich sexuell zu Kindern hingezogen fühle. Das war ein Sommertag. Ich hatte meine erste eigene Wohnung und habe aus dem Fenster gesehen. Da liefen leicht bekleidete Mädchen vorbei, wie es im Sommer so ist. Und da habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich mich stark zu ihnen hingezogen gefühlt habe.
Als ich 25 war, in dem Dreh, habe ich gemerkt, dass es doch irgendwie ein Problem ist. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm ist, habe gedacht, das geht bestimmt wieder weg, aber im Endeffekt wurde der Gedanke immer schlimmer. Dann fing es auch an, dass ich mir Material aus dem Internet besorgt habe, weil es einen Ausgleich geben musste. Ich wusste genau, dass ich mich nicht an Kinder wenden kann, das war mir immer klar. Es ist allerdings schwer umzusetzen, weil es immer ein Gefühl ist, was in mir drin steckt, ganz normale Gefühle der Liebe oder Geborgenheit, sich jemand zugewandt fühlen, und das ist immer ein Problem.
Zuerst wollte ich es nicht wahr haben, verdrängte die Gefühle, unterdrückte das Verlangen. Später begann ich mich immer mehr aus dem sozialen Leben zurückzuziehen. Ich vernachlässigte Freundschaften, Familie und Kollegen, aus Angst, dass meine sexuelle Präferenz entdeckt werden könnte, aber auch aus Scham und wachsendem Minderwertigkeitsgefühl gegenüber den Menschen, die mich als ihren Freund und Partner wertschätzten. Ich redete mir ein, ich verdiene ihre Zuneigung und Freundschaft nicht.
Schon in der Schule haben mich Mädchen interessiert, die wesentlich jünger waren als ich, und schon da habe ich gemerkt, dass andere das zum Teil komisch fanden. Ich habe mir noch wenig dabei gedacht, dass ich als 18-jähriger eine 14-jährige süß und attraktiv fand. Dennoch habe ich wohl da schon angefangen, nicht mehr darüber zu reden. Im Studium habe ich dann zum ersten Mal in einem Chat-Room einen Kontakt zu einer Chat-Partnerin gehabt, die sich selber als 14-jährig beschrieb. Ich wusste sofort, dass ich hier etwas Verbotenes getan hatte und ich von diesem Verbotenen mehr will. Es war in dieser Zeit, dass ich erstmals einem Psychologen davon berichtete in der Hoffnung, einen Weg zu finden, damit klar zu kommen. Leider fühlte ich mich bei den Gesprächen unverstanden und behalf mir deshalb damit, mir selbst solche Kontakte in Zukunft zu untersagen. Allerdings gelang das nicht auf Dauer.
Trotz vieler Anzeichen wollte ich mir fast bis zum 40. Geburtstag nicht eingestehen, „pädophil“ zu sein. Ich sagte allen, „noch nicht die Richtige gefunden zu haben“, „viele Enttäuschungen“ usw. Ich hatte durch das Unterrichten meines Instruments immer viel mit Kindern zu tun und habe dieses Vertrauen nie missbraucht. Aber umso lebhafter waren meine Fantasien. Durch einen dummen Zufall wurde meine sexuelle Präferenz bekannt und führte sogar zum Verlust meines Arbeitsplatzes.
Wirklich klar wurde es mir, als ich in kürzeren Abständen regelmäßig Kinderpornografie konsumiert habe und dem Bedürfnis nicht widerstehen konnte. Es war einerseits sehr erregend dieses Material zu sehen und gleichzeitig war ich voller Angst, weil ich dachte, dass man mich jederzeit erwischen kann. Da war dann auch immer die Unsicherheit, jederzeit rückfällig werden zu können. Und die Angst davor, dafür im Gefängnis zu landen, soziale Kontakte zu verlieren, ausgestoßen zu sein.
Während meiner Arbeit als Lehrer wurde es immer schlimmer. Ich hatte regelmäßig sexuelle Fantasien, in denen meine Schülerinnen vorkamen und konnte mit niemandem darüber reden. Auch meiner Frau verschwieg ich meine Vorlieben und ihre Vorhaltungen, mein Kontakt zu den Schülern sei nicht distanziert genug, dementierte ich heftig. Immer wieder zog es mich in Chat-Rooms und immer mehr kam das Verlangen, einer Schülerin näher zu kommen und diesen Drang zu befriedigen.
Das ist so ein Kreislauf: Es fehlt einem was, man fühlt sich schlecht, fühlt sich wertlos, und dann sucht man sich sein Ventil, obwohl man weiß, danach geht es einem noch schlechter. Wenn man sich diese Bilder im Internet ansieht, kommt irgendwann das schlechte Gewissen. Irgendwann ist man wieder raus aus der Situation, wo die Lust stärker ist als der Verstand, und dann realisiert man es, und dann geht es einem noch schlechter. Und man denkt, wenn du Pech hast, steht gleich die Polizei vor der Tür. Dann löscht man den Computer. Dann sucht man sich Ersatzbefriedigung in Form von Kinderpornografie oder auch mit Prostituierten. Man sucht sich so schlanke junge Prostituierte, die dem Kind-Schema entsprechen, die sucht man sich ganz bewusst. Und dann kommt man wieder nach Hause und denkt sich: Mist, ich habe richtige Scheiße gebaut!
Der Auslöser, warum ich hierhergekommen bin, ist ein Übergriff, den ich gegenüber einem Mädchen begangen habe, und zwar über das Internet. Ich habe sie gebeten, mir Material zu schicken, und das war der Auslöser, wo ich gemerkt habe, jetzt ist Schluss, das geht so nicht weiter.
Schließlich kam es doch zum Übergriff, und mir war danach sofort klar, dass ich eine Grenze überschritten hatte, obwohl nicht sehr viel passiert war. In den Wochen danach hatte ich immer mehr das Gefühl, dass mir alles entglitt. Dann folgten das Disziplinarverfahren und die Versetzung. Nun konnte ich endlich mein Problem aktiv angehen. Ich suchte wieder nach Hilfe, und endlich fand ich sie. Ich war jetzt so weit, dass ich meine Therapie voll Engagement und Enthusiasmus anging. Die erste Analyse am Telefon motivierte mich zusätzlich: Endlich stellte mir jemand die richtigen Fragen, und endlich konnte mir jemand einen Namen für mein Problem geben.
Auf Anraten meiner Frau ließ ich mich freiwillig in die Klinik für forensische Psychiatrie zur Beobachtung einweisen. Es war das Beste, was mir überhaupt passieren konnte. Dort hatte ich für fast drei Wochen bis zu meiner Entlassung die Möglichkeit das erste Mal mit Menschen zu sprechen, die mir helfen wollten. Dort bekam ich verschiedene Anlaufstellen und Behandlungswege aufgezeigt. Hier wurde ich auch das erste Mal auf das Projekt aufmerksam.
Ein Bekannter wies mich auf das Projekt hin. Ich rief an und bekam gleich einen Termin für ein anonymes Einzelgespräch mit einer Psychologin. Es folgten weitere Gespräche, dann mehrere Treffen einer „Infogruppe“ mit anderen Betroffenen. Von Anfang an war es sehr erleichternd, endlich offen über dieses Tabuthema sprechen zu können, ohne von irgendjemandem wegen meiner sexuellen Präferenz abgelehnt oder verurteilt zu werden.
Mir war eigentlich immer klar, dass ich Hilfe benötige. Allerdings habe ich mich sehr lange nicht getraut mit jemandem darüber zu reden. Das Thema war einfach ein zu großes Tabu. Bei dem „Kein Täter Werden“ – Projekt habe ich mich erst mal per Mail gemeldet, danach folgte ein Telefongespräch und ca. zwei Wochen später ein persönliches Gespräch mit einem der Therapeuten.
Diese Therapie hier war die letzte Möglichkeit, die ich noch gesehen habe. Ich habe dann doch endlich eine Mail hierher geschickt und sogar in der gleichen Woche einen Termin bekommen, bei dem ich mich erstmalig aussprechen konnte. Das ist auch so eine Sache: Wem soll man sich anvertrauen? Das erste Mal darüber zu reden, das war nicht einfach, zumal ich nicht derjenige bin, der groß über seine Gefühle spricht. Das ist ganz schön schwer, aber es ist eben auch eine Erleichterung, denn das habe ich über Jahre mit mir herum getragen. Und dann ist da einer, der nicht gleich sagt, du bist der letzte Abschaum der Welt, der sich auch mit der ganzen Thematik auskennt, das ist ja auch wichtig.
Mir war klar, dass ich Hilfe brauche, wenn ich halbwegs normal weiterleben will. Zuerst dachte ich, dafür gibt es keine Hilfe. Ich muss damit selber kämpfen, mich zusammenreißen. Ich hatte irgendwo mal etwas von diesem Projekt gehört oder gelesen – ich weiß nicht mehr. Dann habe ich im Internet gesucht und die Telefonnummer gefunden. Und dort angerufen, auch wenn es einige Überwindung gekostet hat. Am anderen Ende war ein sehr netter und verständnisvoller Mensch. Dann bin ich zu meinem ersten Gespräch gefahren. Ich war ziemlich aufgeregt, weil ich nicht wusste, wie die Leute dort reagieren. Machen die mir Vorwürfe, beschimpfen die mich? Sagen die mir, ich sei ein Perverser? Aber die Sorgen waren unbegründet. Das Personal war sehr nett und hilfsbereit. Es war erleichternd, darüber reden zu können.
Ich war der Meinung, das hab‘ ich relativ unter Kontrolle. Dann hat es meine Familie erfahren, und die haben gesagt, dass ich Hilfe brauche und was unternehmen muss. Da habe ich auch zugestimmt und endlich eingesehen, dass ich tatsächlich Hilfe brauche. Man denkt, dass man alles im Griff hat, obwohl das gar nicht stimmt. Ich bin froh, dass ich in das Projekt aufgenommen werden konnte.
Vor der ersten Sitzung gingen mir viele Gedanken durch den Kopf. Was für Leute sind da wohl? Kenne ich womöglich jemanden? Was denken die von mir? Kann ich wirklich alles sagen? Sperren die mich ein, wenn die hören, was ich getan habe?
Eine letzte Hürde waren die ersten Sitzungen, vor allem die allererste, da ich mir nicht vorstellen konnte, wie es sein würde, andere Männer mit meinem Problem kennenzulernen. Aber sehr schnell merkte ich, dass es mir gar nicht so schwer fiel, mich in der Runde zu öffnen.
Ich hatte noch nie mit jemanden so darüber gesprochen und wusste nicht, wie Therapie ist. Mir war auch bange, weil die Therapeutin eine Frau war. Dann habe ich mich gewundert, wie leicht mir das Reden fiel, weil wir in der Gruppe alle dasselbe Problem haben: Wir sind alle pädophil.
Besonders der Kontakt und die Gespräche mit den anderen Gruppenteilnehmern waren sehr hilfreich, da ich immer das Gefühl hatte, von den Anderen besonders gut verstanden zu werden.
Jeder kann alles sagen. Keiner wird schief angesehen. Die Therapeuten sind sehr vertrauenswürdig.
So eine Gruppensitzung startet mit einer Eröffnungsrunde. Dann gibt es ein Thema, das sich manchmal auch aus der Eröffnungsrunde ergibt. Nach den zwei Stunden gibt es noch eine Schlussrunde, wo man noch mal reflektiert, was hat man mitgenommen von den zwei Stunden, und dann ist die Sitzung zu Ende, manchmal mit einer Aufgabe, die man dann im Laufe der Woche alleine macht, z.B. ein Tagebuch führen.
Wir bekommen Aufgaben für die Zeit zwischen den Gruppensitzungen. Das können Situationen sein, die man erlebt hat, beispielsweise eine Begegnung mit einem Mädchen, dazu einen Impuls und eine Reaktion. Zum Beispiel denkt man: „die würde mir schon gefallen“. In der Therapie lerne ich, diese inneren Vorgänge zu verstehen, aufzudröseln und zu überlegen, ob und was ich hätte anders machen können. Ich kriege mit, dass die sexuelle Präferenz nur ein Teil von mir ist. Meine Wahrnehmung verändert sich. Vorher war ich sehr unsicher, mit ganz wenig Selbstwertgefühl. Jetzt fühle ich mich ausgeglichener – ich mag mich viel mehr.
Die Themen sind vielschichtig und nicht allein nur auf die sexuelle Präferenz bezogen. Ich erhalte Zuspruch und neue Kraft aus der Gruppe, um mein Leben zuversichtlicher und stabiler meistern zu können. Jeder ist ein Teil des Ganzen, und alle Gespräche werden absolut vertraulich behandelt.
Ich habe ja auch verdrängt, dass mit den Fotos Kinder missbraucht werden. In der Therapie lerne ich, mir diesen Teufelskreis bewusst zu machen.
Christian, 43, BeamterOft fängt es ganz harmlos an: Du sitzt am PC, fängst an, normale Pornos zu suchen, dann wird das Schema immer jünger, die Frauen immer jünger, die Bilder werden härter, man gibt „Teen“ ein und schon ist man mittendrin und hat den „point of no return“ längst überschritten. Die Kunst ist, dass ich mich so gut kennen lerne, dass ich mich so kontrollieren kann, um nicht in solche Situationen zu kommen. Das lerne ich hier.
Ich will gar nicht erst in Versuchung geraten, mir Kinderpornografie anzugucken. Die Therapie soll mich dabei unterstützen ein Leben zu führen, ohne jemals einen sexuellen Übergriff auf ein Kind zu begehen, und da unterstützt sie mich ziemlich gut.
Nach zwei Monaten wollte ich die Therapie hinschmeißen, weil alles so wehgetan hat. Ich fühlte mich so schlecht, weil alles an die Oberfläche kam. Dann hatte ich wieder depressive Schübe. Manchmal habe ich mir gewünscht, dass ich tot bin. Aber ich habe weiter gemacht. Heute bin ich froh darüber. Dieser Weg lohnt sich, aber er ist hart. Zu Anfang fließen Tränen, es geht einem schlecht, es stürzt alles über einem ein. Hier werde ich immerhin ein Stück weit aufgefangen und kriege es erklärt.
Dann kam die Aufgabe, eine Missbrauchssituation selber im Rollenspiel nachzuspielen. Beim ersten dieser Rollenspiele spielte ich einen der anderen Gruppenteilnehmer, also den Täter. Ich war danach ziemlich mitgenommen und verspürte wenig Lust darauf, noch einmal so ein Rollenspiel durchzumachen. Zuletzt aber spielte ich ein Opfer, eine Schülerin. Ich fühlte mich ganz und gar in dieser Situation und in der Gefühlswelt meines Opfers. Endlich verstand ich die Hilflosigkeit, die Scham, die Ängste, und das Gefühl des Ausgenutzt-werdens. Und endlich wurde aus meiner Überlegung, dass es in der Verantwortung des Erwachsenen liegen muss, dass es nicht zu einem sexuellen Kontakt zu Kindern oder Jugendlichen kommt, eine feste und unumstößliche Überzeugung. Ich hatte am eigenen Leib erfahren, dass das Opfer eben keine Mitschuld trifft, dass es dem Tun des Täters eben nicht unbedingt Einhalt gebieten kann, selbst dann nicht, wenn es ihm vorher gesagt wurde. Was ich vorher nur für falsch hielt, ohne diese Falschheit zu spüren, bekam nun auch eine tiefe emotionale Dimension. Ich wusste, dass ein Übergriff immer falsch ist, weil ich es selber am eigenen Leib erfahren hatte. Kurz nach dieser Einheit vergrößerte sich unsere Gruppe, und es kamen ein paar Männer hinzu, die erst am Anfang ihrer Therapie standen. Hier wurde mir dann immer wieder vor Augen geführt, welchen weiten Weg ich bereits jetzt schon gegangen war, und es kam bald die Zeit, da ich spürte, dass ich genug über mich und meine Neigung gelernt hatte, dass ich diesen Weg auf eigenen Beinen weitergehen konnte.
Ganz früher bin ich schwimmen gegangen, um zu gucken, oder ich bin bei einem Schulhof vorbeigegangen, um zu gucken. Danach habe ich es ganz vermieden, weil ich das nicht mehr wollte. Aber jetzt geht es wieder, jetzt gehe ich nur noch schwimmen, weil ich schwimmen will, denn seit ich hier bin, habe ich riesige Fortschritte gemacht. Ich bin fertig mit der Therapie, wenn ich mir hundertprozentig sicher bin, dass ich verantwortungsvoll handle, das ist es, was ich will.
Was das Ende meiner Therapie betrifft, bin ich optimistisch. Ich habe gelernt, mit meinem sexuellen Interesse und meinen Problemen umzugehen. Ich habe ein Netzwerk aus Freunden und anderen Personen aufgebaut, die mich kennen und von meiner sexuellen Präferenz wissen. Ich weiß jetzt, wo ich professionelle Hilfe finde, und das macht mich optimistisch, in Zukunft klar zu kommen.
Ich weiß nicht, wann das Ende der Therapie ist. Doch selbst wenn die Sitzungen irgendwann aufhören, dann muss ich doch immer an mir arbeiten.
Haben Sie selbst Suizidgedanken, erreichen Sie die TelefonSeelsorge Tag und Nacht anonym und kostenfrei unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, auch per Chat und E-Mail auf telefonseelsorge.de.
Ich weiß jetzt, dass ich vernünftig leben kann. Die Gruppe war ein wichtiger Halt für mich.
Heute kann ich, selbst wenn ich sexuelle Lust habe, problemlos am PC surfen, und ich rufe nicht eine einzige Pornoseite mehr auf. Ich gucke harmlose Dinge, wie Computerthemen oder Sport.
Meine sexuelle Präferenz spüre ich nach wie vor, sie hat aber ihren Schrecken verloren und auch einen großen Teil ihrer Bedeutung. Da ich mir meiner Verantwortung bewusst bin, fühle ich mich im Umgang mit Jugendlichen sicher und weiß, wo ich mir Hilfe holen kann, wenn ich das Gefühl habe, die Kontrolle zu verlieren. Da aber aufgrund meiner neu gewonnen Überzeugung mein Drang zum Sex mit Jugendlichen enorm nachgelassen hat, kam eine solche Situation bisher nicht wieder vor.
Vor einem Jahr habe ich es meinen Eltern erzählt. Nachdem meine Freundin Bescheid wusste, sollten sie das auch erfahren. Zuerst war es ein Schock, vor allem für meine Mutter. Für meinen Vater war es vielleicht nicht ganz so schlimm. Das Verhältnis war dann eine Weile anders, irgendwie gestört. Sie haben das nicht richtig einschätzen können und nicht verstanden, dass ich nicht gleich jedes Mädel anfassen muss, wenn in der Verwandtschaft oder Bekanntschaft eine Jugendliche auftaucht, also dass sie mich nicht von Mädchen fern halten müssen. Mittlerweile ist es wieder besser geworden. Sie haben mir dann auch gesagt, dass ich weiterhin ihr Sohn bin. Das war ihnen offenbar wichtig, mir mitzuteilen.
Beruflich habe ich mich sehr verändert und arbeite jetzt nur noch mit Erwachsenen zusammen. Zu meiner Überraschung weine ich dem Lehrerdasein, das ich lange für mich als meinen absoluten Traumberuf empfand, keine Träne hinterher, sondern genieße meine neue Tätigkeit sehr. Alle meine Freunde wissen um das, was mit mir ist und fast alle unterstützen mich auf meinem Weg und bleiben an meiner Seite, was eine sehr schöne Erfahrung ist.
Ich habe mit meiner damaligen Freundin und mit einigen sehr engen Freunden über diese Therapie gesprochen. Ihre Reaktion war sehr überraschend für mich, weil sie überhaupt nicht negativ reagiert haben. Natürlich hat sie das irritiert, und sie waren unsicher, wie sie damit umgehen sollen. Zum Teil haben sie selber Kinder. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass sie mir vertrauen. Dass sie wissen, dass ich ihren Kindern nie etwas tun würde. Alle meine Freunde, mit denen ich gesprochen habe – enge Freunde – sind immer noch meine Freunde.
Meine Eltern wissen Bescheid, ein Teil meiner Großeltern, meine engsten Freunde und verschiedene Leute aus meinem Verein wissen Bescheid. Das war mir wichtig, dass sie es wissen. Ich wollte ihnen einerseits klarmachen, warum es für mich manchmal anstrengend war, entweder zu Babysitten innerhalb der Familie oder aber zum Beispiel im Sommer in Freibäder oder so was zu gehen. Und das konnte ich ihnen damals nicht klarmachen und wurde komisch angeguckt. Mittlerweile haben sie es akzeptiert und versuchen, mich meinen Weg gehen zu lassen.
Wenn ich heute Frust habe, kriege ich den selber weg. Ich gucke, was passiert ist, warum ich Frust habe, wenn ich falsch reagiert habe. Diese Veränderung wirkt sich auf alles aus: Arbeit, privat, Hobby. Ich weiß, dass ich für meine Handlungen verantwortlich bin. Ich sehe heute meine Stärken, während ich früher nur meine Schwächen gesehen habe, und ich kann mich kontrollieren. Wenn ich merke, ich komme in eine gefährliche Situation, dann verlasse ich die. Einmal ist mir das passiert, in der Sauna. Dann bin ich aufgestanden, habe geduscht und bin gegangen, fertig. Und danach war ich stolz. Weil, wie gesagt, ich bin der, der die Verantwortung hat. Ein Kind oder ein Jugendlicher kann das nicht, die Verantwortung muss ich übernehmen.
Der wichtigste Teil der Therapie war für mich, zwischen Fantasien und der Verantwortung für mein sexuelles Verhalten zu trennen. Ich kann es nicht verhindern, dass mich Kinder erregen, aber was ich tun kann, ist keinerlei sexuellen Kontakt mit Kindern zu haben.
Stefan, 36, TontechnikerAm Ende der Therapie hatte ich ein neues Lebensgefühl. Ich bin selbstsicherer und habe die Kraft erlangt, verantwortlich durchs Leben zu gehen. Ich habe gelernt mit meinen Gefühlen umzugehen und wie ich mich und insbesondere Kinder bewusst schützen kann. Aus dieser Erkenntnis und der Akzeptanz meines eigenen Ichs, aus dem neu erlernten Verantwortungsbewusstsein sowie nicht zuletzt durch die Kraft und den Halt, die mir meine Familie gibt, habe ich wieder den Lebensmut und die Zufriedenheit erlangt, um sagen zu können: Ich bin ein glücklicherer Mensch und kann zufrieden leben.
Das Wichtigste ist aber, dass auch meine Frau wieder an meiner Seite ist und ich meine Familie wieder habe. Natürlich gibt es immer wieder Stiche, zum Beispiel wenn wir uns an die Zeit der Trennung erinnern. Oder wenn das Gespräch auf meine sexuelle Präferenz kommt und ich die Angst meiner Frau spüre, die ihr diese immer noch macht. Doch diese dunklen Momente sind sehr wenige, und zu meiner Überraschung stelle ich immer wieder fest, dass ich sehr glücklich bin. Ich habe mich in den vergangenen Jahren so grundlegend verändert, wie ich das nicht für möglich gehalten hätte. Mein Selbstbewusstsein ist enorm gewachsen, ich bin stressresistenter und ausgeglichener.
Nach dem Ende der eigentlichen Therapie ist die Nachsorgegruppe ein hilfreiches Angebot, um weiterhin in Kontakt zu bleiben und meine Ziele im Auge zu behalten. Vor der Therapie habe ich mir nicht vorstellen können, mit dieser sexuellen Präferenz ein normales und zufriedenes Leben führen zu können. Im Laufe der Therapie wurde mir klar, dass dies doch möglich ist. Ich verurteile und hasse mich nicht mehr für mein sexuelles Interesse, da ich weiß, dass ich nichts dafür kann. Mit dieser sexuellen Präferenz ist jedoch die große Verantwortung verbunden, niemandem Schaden zuzufügen. Diese Aufgabe begleitet mich mein Leben lang.
Taten, die in irgendeiner Form justizbekannt sind, werden als Taten im Hellfeld bezeichnet (z.B. durch Anzeige, Ermittlungsverfahren, Verurteilung). Ein großer Teil der tatsächlich verübten sexuellen Übergriffe auf Kinder gelangt jedoch nicht zur Anzeige, wird von Justiz und Strafverfolgung nicht erfasst und wird folglich auch in keiner Kriminalstatistik aufgeführt. In der Kriminologie wird dieser Bereich als Dunkelfeld bezeichnet. Nur ein kleiner Teil der Taten wird angezeigt: In einer bevölkerungsrepräsentativen Befragung in Deutschland gaben Betroffene an, den Missbrauch je nach Art der Tat in 12 bis 18 Prozent der Fälle bei der Polizei angezeigt zu haben (Stadler et al., 2012).
Quellen (1)
- Stadler, L., Bieneck, S., & Pfeiffer, C. (2012). Repräsentativbefragung Sexueller Missbrauch 2011 (Forschungsbericht Nr. 118). Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen. kfn.de/wp-content/uploads/Forschungsberichte/FB_118.pdf
Die sexuelle Präferenz sind die individuellen sexuellen Vorlieben eines Menschen. Sie setzt sich zusammen aus:
- Dem Geschlecht des gewünschten Sexualpartners (weiblich, männlich oder beide)
- Dem körperlichen Entwicklungsstadium des gewünschten Sexualpartners (vorpubertär, frühpubertär oder erwachsen)
- Der Art des gewünschten sexuellen Kontaktes (sexuelle Praktiken)
Die Präferenz lässt sich am besten durch die Fantasien erschließen, die ein Mensch kurz vor seinem Orgasmus hat (Beier & von Heyden, 2025, S. 20–21). Sie sagt daher auch nur bedingt etwas über das Verhalten des Menschen aus – die Fantasien müssen sich nicht in die Tat umsetzen. Sexuelle Präferenzen können unterschiedlich exklusiv ausgebildet sein. Das bedeutet, dass nicht bei allen Menschen nur genau ein Schema erregend wirken kann, sondern mehrere Präferenzen nebeneinander existieren können.
Vermutlich entwickelt sich die sexuelle Präferenz in der Pubertät anhand verschiedener Faktoren, wie Geschlechtshormone und andere biopsychosoziale Einflüsse. Wissenschaftlich ist die Entwicklung der Präferenz jedoch noch nicht geklärt.
Sexuelle Präferenz ist Schicksal und nicht Wahl. Niemand entscheidet sich aktiv für oder gegen seine Neigung.
Quellen (1)
- Beier, K. M., & von Heyden, M. (2025). Das tabuisierte eine Prozent: Pädophilie erkennen und behandeln. Ein Leitfaden für die psychosoziale Praxis. Vandenhoeck & Ruprecht. https://doi.org/10.13109/9783666408793
Als sexuellen Missbrauch von Kindern bestraft das Strafgesetzbuch sexuelle Handlungen an einem Kind und vor einem Kind. Ebenso strafbar ist es, ein Kind zu sexuellen Handlungen an sich selbst oder mit einer dritten Person zu bringen, mit pornografischen Inhalten oder entsprechenden Reden auf ein Kind einzuwirken oder solche Taten anzubahnen, etwa über das Internet (§§ 176 bis 176e StGB).
Als Kinder gelten alle Personen unter 14 Jahren. Sie sind nicht dazu in der Lage, Situationen adäquat einzuschätzen und Folgen abzuwägen, sondern Erwachsenen in diesem Sinne unterlegen und darauf angewiesen, von ihnen geschützt zu werden. Kinder können also nicht in sexuelle Handlungen mit Erwachsenen einwilligen, beziehungsweise kann man einer scheinbaren Einwilligung keine Bedeutung beimessen.
Sexueller Kindesmissbrauch ist für die betroffenen Kinder körperlich und seelisch traumatisierend, die Folgen weitreichend. Sexueller Kindesmissbrauch wird strafrechtlich verfolgt und bestraft.
Pädophilie und Hebephilie sind keinesfalls mit sexuellem Kindesmissbrauch gleichzusetzen (Beier, 2018; Beier & von Heyden, 2025). Dennoch muss beachtet werden, dass eine solche Neigung einem Missbrauch vorausgehen kann und deswegen eine gute Verhaltenskontrolle unerlässlich ist.
Bei Männern, deren sexuelle Übergriffe auf Kinder bekannt geworden sind, meist durch ein Strafverfahren, finden Studien je nach Messmethode bei etwa 40 bis 50 Prozent eine pädophile oder hebephile Neigung (Kuhle et al., 2015, S. 111; Seto, 2018, S. 25–26). Für Männer, deren Übergriffe unentdeckt bleiben, gibt es dazu keine verlässlichen Zahlen.
Quellen (4)
- Beier, K. M. (Hrsg.). (2018). Pädophilie, Hebephilie und sexueller Kindesmissbrauch: Die Berliner Dissexualitätstherapie. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-56594-0
- Beier, K. M., & von Heyden, M. (2025). Das tabuisierte eine Prozent: Pädophilie erkennen und behandeln. Ein Leitfaden für die psychosoziale Praxis. Vandenhoeck & Ruprecht. https://doi.org/10.13109/9783666408793
- Kuhle, L. F., Grundmann, D., & Beier, K. M. (2015). Sexueller Missbrauch von Kindern: Ursachen und Verursacher. In J. M. Fegert, U. Hoffmann, E. König, J. Niehues & H. Liebhardt (Hrsg.), Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen (S. 109–129). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-44244-9_11
- Seto, M. C. (2018). Pedophilia and sexual offending against children: Theory, assessment, and intervention (2nd ed.). American Psychological Association. https://doi.org/10.1037/0000107-000
Der in Presse und Justiz gängige Begriff Kinderpornografie ist nicht geeignet, um das zu kennzeichnen, was wir als Nutzung von Missbrauchsabbildungen bezeichnen, da die Aufnahmen Kinder bei sexuellen Handlungen zeigen, die nicht auf deren freiwillige Mitwirkung, sondern auf sexuelle Interessen von Erwachsenen zurückzuführen sind. Abbildungen sexuellen Kindesmissbrauchs, die einmal in Umlauf gebracht wurden, sind praktisch nicht mehr aus dem Internet zu entfernen. Somit ergibt sich für die betroffenen Kinder und Jugendlichen eine lebenslange Konfrontation mit dem durchlebten Missbrauch.
Sowohl die Herstellung und Bereitstellung als auch der Konsum von Missbrauchsabbildungen sind Straftaten, schädigen die abgebildeten Kinder, weil ihr Missbrauch weiter verbreitet und angesehen wird, und dürfen deshalb nicht verharmlost werden.
Personen mit einer Pädophilie fühlen sich sexuell von Kindern mit einem vorpubertären Körper (z.B. keine Scham- und/oder Achselhaare, kleine Scheide, kleiner Penis, keine oder minimale Brustansätze) angesprochen, die im Allgemeinen nicht älter als 11 Jahre alt sind (Beier, 2018, S. 2, 5; WHO, 2026). Von den Betroffenen können Jungen- und/oder Mädchenkörper als sexuell erregend empfunden werden. Personen mit einer Hebephilie fühlen sich sexuell von Kindern angesprochen, deren körperliche Entwicklung bereits Merkmale der Pubertät aufweist (z.B. wenig Scham- und/oder Achselhaare, leicht entwickelte Scheide, leicht entwickelter Penis, entwickelte Brustansätze). Folgende Selbstbeobachtungen geben Anlass zur Vermutung, dass eine Pädophilie/Hebephilie vorliegt:
• Sexuelle Erregung beim Betrachten oder beim Kontakt zu vor- und/oder frühpubertären Kindern
• Sexuell erregende Fantasien, in denen vor- und/oder frühpubertäre Kinder eine Rolle spielen
Auch wer bereits Missbrauchsabbildungen (juristisch: kinderpornografische Inhalte) genutzt oder Übergriffe begangen hat, kann sich melden. Eine Tat allein zeigt aber keine Neigung an (siehe „Sexueller Kindesmissbrauch“).
Wie bei jeder Präferenz ist auch bei der Pädo- und Hebephilie der Wunsch nach sexueller Lustbefriedigung nur ein Teil der Sexualität, denn auch der Beziehungsaspekt spielt eine zentrale Rolle. Für viele Betroffene ergibt sich ein Leidensdruck dadurch, dass die gewünschte Sexualität nicht ausgelebt werden kann. Mit Blick auf konkrete sexuelle Verhaltensweisen gelingt es einem Teil der betroffenen Personen, ihre sexuellen Impulse lebenslang auf der Fantasieebene zu belassen. Daher sind die Begriffe Pädophilie und Hebephilie nicht mit sexuellem Kindesmissbrauch oder sexueller Ausbeutung durch den Konsum von Missbrauchsabbildungen gleichzusetzen. Die Neigung erhöht aber das Risiko für Übergriffe und für die Nutzung von Missbrauchsabbildungen; deshalb ist frühe Hilfe wichtig (Beier et al., 2024).
Quellen (3)
- Beier, K. M. (Hrsg.). (2018). Pädophilie, Hebephilie und sexueller Kindesmissbrauch: Die Berliner Dissexualitätstherapie. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-56594-0
- Beier, K. M., Nentzl, J., von Heyden, M., Fishere, M., & Amelung, T. (2024). Preventing child sexual abuse and the use of child sexual abuse materials: Following up on the German Prevention Project Dunkelfeld. Journal of Prevention, 45(6), 881–900. https://doi.org/10.1007/s10935-024-00792-0
- Weltgesundheitsorganisation (WHO). (2026). ICD-11 für Mortalitäts- und Morbiditätsstatistiken (Version 2026-01), 6D32 Pädophile Störung. icd.who.int/browse/2026-01/mms/de#517058174
Als Ursachen für die Pädophilie oder Hebephilie werden in der Sexualwissenschaft verschiedene Faktoren diskutiert (z.B. Entwicklungsauffälligkeiten des Gehirns; hormonelle und Neurotransmitterauffälligkeiten; frühe Bindungs- und Beziehungsstörungen; eigene sexuelle Missbrauchserfahrungen) (Seto, 2008; Tenbergen et al., 2015). Die Untersuchungen zu den genannten möglichen Ursachen erklären das Phänomen jedoch bisher allenfalls in Teilaspekten. Insgesamt herrscht über die Entwicklung und den Verlauf einer pädophilen oder hebephilen Erregbarkeit noch kein klares Bild und es besteht weiterer Forschungsbedarf.
Quellen (2)
- Seto, M. C. (2008). Pedophilia and sexual offending against children: Theory, assessment, and intervention. American Psychological Association. https://doi.org/10.1037/11639-000
- Tenbergen, G., Wittfoth, M., Frieling, H., Ponseti, J., Walter, M., Walter, H., Beier, K. M., Schiffer, B., & Kruger, T. H. C. (2015). The neurobiology and psychology of pedophilia: Recent advances and challenges. Frontiers in Human Neuroscience, 9, 344. https://doi.org/10.3389/fnhum.2015.00344
In Befragungen von Männern in Deutschland gaben zwischen 4 und knapp 10 Prozent an, sexuelle Fantasien mit Kindern vor der Pubertät zu haben (Ahlers et al., 2011; Dombert et al., 2016); etwa 3 Prozent berichteten von sexuellen Handlungen mit Kindern oder von der Nutzung von Missbrauchsabbildungen (juristisch: kinderpornografische Inhalte) (Dombert et al., 2016). Internationale Studien kommen je nach Fragestellung auf 2 bis 24 Prozent (Savoie et al., 2021). Fantasien sind aber nicht dasselbe wie eine pädophile Neigung. Zuverlässige Daten darüber, wie groß der Anteil von Menschen mit einer pädophilen oder hebephilen Erregbarkeit in der Bevölkerung ist, gibt es für Deutschland bislang nicht, weil eine bevölkerungsrepräsentative Studie zu diesem Thema noch nicht durchgeführt wurde. In einer solchen Befragung in Tschechien mit 10.044 Erwachsenen gaben 0,6 Prozent der Männer eine deutliche sexuelle Präferenz für vorpubertäre Kinder an, weitere 1,7 Prozent ein entsprechendes Interesse (Bártová et al., 2021). Weitere wissenschaftliche Untersuchungen, die diese Fragestellung erhellen sollen, laufen. Die Häufigkeit wird – bislang erhobenen Daten zufolge – auf bis zu 1 % der männlichen Bevölkerung geschätzt (Beier, 2018; Beier & von Heyden, 2025). Das betrifft in Deutschland 250.000 bis 300.000 Männer (Beier & von Heyden, 2025, S. 13).
Nach bisherigem Kenntnisstand ist die Mehrheit aller Menschen mit pädophiler bzw. hebephiler Erregbarkeit männlichen Geschlechts (Beier & von Heyden, 2025, S. 45–46; Savoie et al., 2021). In der tschechischen Befragung waren es bei den Frauen 0 Prozent mit deutlicher Präferenz und 0,4 Prozent mit einem entsprechenden Interesse (Bártová et al., 2021).
Quellen (6)
- Ahlers, C. J., Schaefer, G. A., Mundt, I. A., Roll, S., Englert, H., Willich, S. N., & Beier, K. M. (2011). How unusual are the contents of paraphilias? Paraphilia-associated sexual arousal patterns in a community-based sample of men. The Journal of Sexual Medicine, 8(5), 1362–1370. https://doi.org/10.1111/j.1743-6109.2009.01597.x
- Bártová, K., Androvičová, R., Krejčová, L., Weiss, P., & Klapilová, K. (2021). The prevalence of paraphilic interests in the Czech population: Preference, arousal, the use of pornography, fantasy, and behavior. The Journal of Sex Research, 58(1), 86–96. https://doi.org/10.1080/00224499.2019.1707468
- Beier, K. M. (Hrsg.). (2018). Pädophilie, Hebephilie und sexueller Kindesmissbrauch: Die Berliner Dissexualitätstherapie. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-56594-0
- Beier, K. M., & von Heyden, M. (2025). Das tabuisierte eine Prozent: Pädophilie erkennen und behandeln. Ein Leitfaden für die psychosoziale Praxis. Vandenhoeck & Ruprecht. https://doi.org/10.13109/9783666408793
- Dombert, B., Schmidt, A. F., Banse, R., Briken, P., Hoyer, J., Neutze, J., & Osterheider, M. (2016). How common is men’s self-reported sexual interest in prepubescent children? The Journal of Sex Research, 53(2), 214–223. https://doi.org/10.1080/00224499.2015.1020108
- Savoie, V., Quayle, E., & Flynn, E. (2021). Prevalence and correlates of individuals with sexual interest in children: A systematic review. Child Abuse & Neglect, 115, 105005. https://doi.org/10.1016/j.chiabu.2021.105005
Nein. Es kann zwischen Personen, die durch vor- und/oder frühpubertäre Kinder erregbar sind und einen sexuellen Kindesmissbrauch begehen, und Personen, die durch Erwachsene erregbar sind und einen sexuellen Kindesmissbrauch begehen, unterschieden werden (Beier, 1998; Seto, 2008). Letztere sind nicht durch ihre sexuelle Erregbarkeit durch Kinder motiviert; für sie ist die Tat eine Ersatzhandlung, etwa bei sexueller Unerfahrenheit, dissozialer Lebensführung oder einer Intelligenzminderung (Beier, 1995, S. 79–80; Beier, 1998).
Quellen (3)
- Beier, K. M. (1995). Dissexualität im Lebenslängsschnitt: Theoretische und empirische Untersuchungen zu Phänomenologie und Prognose begutachteter Sexualstraftäter (Monographien aus dem Gesamtgebiete der Psychiatrie, Bd. 78). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-642-79601-2
- Beier, K. M. (1998). Differential typology and prognosis for dissexual behavior: A follow-up study of previously expert-appraised child molesters. International Journal of Legal Medicine, 111(3), 133–141. https://doi.org/10.1007/s004140050133
- Seto, M. C. (2008). Pedophilia and sexual offending against children: Theory, assessment, and intervention. American Psychological Association. https://doi.org/10.1037/11639-000
Inwiefern der Konsum von Missbrauchsabbildungen (juristisch: kinderpornografische Inhalte) den Wunsch nach Realisierung eines sexuellen Kontaktes mit einem Kind verstärkt, kann nach gegenwärtigem Stand der Forschung nicht abschließend beurteilt werden (vgl. Dombert et al., 2016; Seto et al., 2011). Da aber bereits der Konsum strafbar ist (§ 184b StGB) und den Missbrauch der abgebildeten Kinder fortsetzt, ist der Verzicht auf den Konsum von Missbrauchsabbildungen ebenso Ziel der therapeutischen Bemühungen im Netzwerk „Kein Täter werden“.
Quellen (2)
- Dombert, B., Schmidt, A. F., Banse, R., Briken, P., Hoyer, J., Neutze, J., & Osterheider, M. (2016). How common is men’s self-reported sexual interest in prepubescent children? The Journal of Sex Research, 53(2), 214–223. https://doi.org/10.1080/00224499.2015.1020108
- Seto, M. C., Hanson, R. K., & Babchishin, K. M. (2011). Contact sexual offending by men with online sexual offenses. Sexual Abuse, 23(1), 124–145. https://doi.org/10.1177/1079063210369013
Nach dem DSM-5 wird bei Jugendlichen unter 16 Jahren keine pädophile Störung diagnostiziert. Das Präventionsprojekt für Jugendliche spricht deshalb von einer sexuellen Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema. Das Angebot richtet sich an Jugendliche, die sich zu deutlich jüngeren Kindern hingezogen fühlen oder bereits übergriffig geworden sind. Ziel ist, dass sie lernen, ihr Verhalten zu steuern, und dass ihre Belastung sinkt. Viele haben zusätzlich eine psychische Erkrankung: Bei 57 % der 185 männlichen Jugendlichen mit abgeschlossener Eingangsdiagnostik lag bereits mindestens eine bekannte kinder- und jugendpsychiatrische Erkrankung vor (Schlinzig et al., 2021).
Ob die sexuelle Ansprechbarkeit bleibt, lässt sich bei Jugendlichen nicht sicher sagen.
Quellen (1)
- Schlinzig, E., Schuler, M., Kreutzmann, A., Legeland, L. T., Pantazidis, P., Hellenschmidt, T. J., & Beier, K. M. (2021). Berliner Dissexualitätstherapie für Adoleszente (BEDIT-A): Das Präventionsprojekt für Jugendliche (PPJ) „Du träumst von ihnen“. Sexuologie, 28(3–4), 187–191. https://doi.org/10.61387/S.2021.34.41
Die Diagnose Pädophilie bzw. Hebephilie kann nach einem gründlichen klinischen Interview gestellt werden, in welchem eine Vielzahl von Informationen zum sexuellen Erleben und Verhalten erfragt werden. Ergänzt werden die hierbei gesammelten Informationen z. B. durch zusätzliche Fragebögen und Testverfahren (Psychodiagnostik).
Fragebögen und Tests stellen jedoch nur zusätzliche Verfahren dar und können ein diagnostisches Gespräch nicht ersetzen. Ohne ein klinisches Interview kann keine zuverlässige Diagnose gestellt werden.
Die Kriterien, die für eine Diagnose Pädophilie erfüllt sein müssen, sind in den international anerkannten diagnostischen Leitlinien festgelegt (WHO, 2026). Das wichtigste Kriterium ist hierbei die sexuelle Erregbarkeit einer erwachsenen Person durch vorpubertäre Kinder. Für die Hebephilie, die Ansprechbarkeit für Kinder in der frühen Pubertät, gibt es in der ICD-11 keine eigene Diagnose; fachlich wird sie gemeinsam mit der Pädophilie betrachtet.
Quellen (1)
- Weltgesundheitsorganisation (WHO). (2026). ICD-11 für Mortalitäts- und Morbiditätsstatistiken (Version 2026-01), 6D32 Pädophile Störung. icd.who.int/browse/2026-01/mms/de#517058174
Die Diagnose stellen Ärztinnen, Ärzte, Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten, die in der Sexualmedizin besonders erfahren sind.
Nein. „Chemische Kastration“ ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für Medikamente, die das sexuelle Verlangen dämpfen. Er ist aus drei Gründen irreführend:
- Bei einer Kastration werden die Hoden entfernt; das ist endgültig. Medikamente entfernen nichts, ihre Wirkung lässt nach, wenn sie abgesetzt werden.
- Nicht alle Medikamente senken den Testosteronspiegel. Ein Teil wirkt über den Botenstoff Serotonin und verändert den Hormonhaushalt nicht (Beier & von Heyden, 2025, S. 148).
- Der Begriff klingt nach Strafe und Zwang. Medikamente werden nur freiwillig eingesetzt, nach ausführlicher Aufklärung und gemeinsamer Entscheidung, und sie ergänzen die Psychotherapie. Für oder gegen ein Medikament kann man sich zu jedem Zeitpunkt der Therapie entscheiden (Beier, 2018).
Medikamente können sexuelles Verlangen und Impulse dämpfen, an der Neigung selbst ändern sie nichts. In einer placebokontrollierten Studie mit 52 hilfesuchenden Männern in Schweden senkte ein Medikament, das die Testosteronbildung unterdrückt (Degarelix), nach zwei Wochen einen Risikowert für sexuellen Kindesmissbrauch; Nebenwirkungen waren häufig (Landgren et al., 2020). Insgesamt ist die Studienlage zu Medikamenten schmal (Landgren et al., 2022). Ob Medikamente Taten verhindern, ist nicht belegt.
Quellen (4)
- Beier, K. M. (Hrsg.). (2018). Pädophilie, Hebephilie und sexueller Kindesmissbrauch: Die Berliner Dissexualitätstherapie. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-56594-0
- Beier, K. M., & von Heyden, M. (2025). Das tabuisierte eine Prozent: Pädophilie erkennen und behandeln. Ein Leitfaden für die psychosoziale Praxis. Vandenhoeck & Ruprecht. https://doi.org/10.13109/9783666408793
- Landgren, V., Malki, K., Bottai, M., Arver, S., & Rahm, C. (2020). Effect of gonadotropin-releasing hormone antagonist on risk of committing child sexual abuse in men with pedophilic disorder: A randomized clinical trial. JAMA Psychiatry, 77(9), 897–905. https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2020.0440
- Landgren, V., Savard, J., Dhejne, C., Jokinen, J., Arver, S., Seto, M. C., & Rahm, C. (2022). Pharmacological treatment for pedophilic disorder and compulsive sexual behavior disorder: A review. Drugs, 82(6), 663–681. https://doi.org/10.1007/s40265-022-01696-1
Die gesamte Therapie erfolgt kostenlos und unter Schweigepflicht. Die Kosten tragen die gesetzlichen Krankenkassen, an einzelnen Standorten das Land – unabhängig davon, ob und wie Sie versichert sind.
Im Verlauf der Therapie lernen die Teilnehmenden
• sexuelle Übergriffe und die Nutzung von Missbrauchsabbildungen (juristisch: kinderpornografische Inhalte) zu verhindern
• ihre sexuelle Präferenz zu akzeptieren und in ihr Selbstbild zu integrieren
• ihre sexuellen Wünsche und Bedürfnisse angemessen wahrzunehmen und zu bewerten
• fremdgefährdende Entwicklungen zu identifizieren und zu bewältigen
Ob Angehörige einbezogen werden können, erfahren Sie beim Standort. Die Behandlung folgt einem strukturierten Therapieplan, berücksichtigt aber die individuellen Bedürfnisse und erfolgt in Absprache mit den Teilnehmenden. Sie integriert psychotherapeutische, sexualwissenschaftliche, medizinische und psychologische Ansätze sowie die Möglichkeit einer zusätzlichen medikamentösen Unterstützung. Medikamente nur, wenn Sie es möchten; Sie entscheiden das gemeinsam mit den Behandelnden. Wie oft und wie lange die Therapie stattfindet, steht unter „Wie lange dauert die Therapie?“.
Erfolgreiche Therapien kommen vor allem dann zustande, wenn Behandelnde und Teilnehmende gleichermaßen ihre unterschiedlichen Aufgaben während einer Therapie wahrnehmen.
Seitens der Teilnehmenden beeinflussen Offenheit, das Einbringen relevanter Probleme, regelmäßige Mitarbeit und das Treffen von Entscheidungen das Therapieziel maßgeblich. Entscheidend ist die eigene Motivation, keine sexuellen Übergriffe auf Kinder zu begehen und keine Missbrauchsabbildungen (juristisch: kinderpornografische Inhalte) zu nutzen.
Die Behandlung übernehmen approbierte Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die in Diagnostik und Behandlung sexueller Präferenz- und Verhaltensstörungen erfahren sind; Medikamente verordnen Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie. So verlangen es die Fördergrundsätze des GKV-Spitzenverbands. Die Behandelnden nehmen regelmäßig an Supervision teil.
Wie lange die ambulante Therapie dauert, richtet sich nach dem Einzelfall; meist dauert sie mindestens ein Jahr. Die Sitzungen finden in der Regel wöchentlich statt. Die Therapie wird in Gruppen durchgeführt und, falls notwendig, auch als Einzeltherapie.
Ziel der Behandlung ist, dass es nicht zu sexuellen Übergriffen und nicht zur Nutzung von Missbrauchsabbildungen (juristisch: kinderpornografische Inhalte) kommt. Dazu gehört, die eigene Neigung anzunehmen und mit ihr zufrieden zu leben. Die Teilnehmenden lernen Strategien, um diesen Bereich ihres Lebens zu bewältigen und insbesondere sexuelle Impulse gegenüber Kindern zu kontrollieren.
Die therapeutische Konzentration richtet sich deshalb auf das Erlernen und Trainieren von Kompetenzen zum sicheren, nicht fremd- und selbstgefährdenden Umgang mit den eigenen sexuellen Impulsen, gegebenenfalls auch mit medikamentöser Unterstützung zur Dämpfung des sexuellen Verlangens.
Somit wird der Schutz von Kindern durch die Verhinderung von sexuellem Kindesmissbrauch und der Nutzung von Missbrauchsabbildungen über die Etablierung bzw. Optimierung einer sexuellen Verhaltenskontrolle angestrebt.
Die Behandelnden unterliegen der therapeutischen Schweigepflicht bezüglich aller in der Vergangenheit liegenden Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs, die ihnen im Rahmen ihrer therapeutischen Tätigkeit bekannt werden (§ 203 StGB). Die Verletzung dieser Schweigepflicht ist strafbar. Für zurückliegende Taten gibt es keine Anzeigepflicht.
Die therapeutische Schweigepflicht ist eine Basis für den präventiven Ansatz des Netzwerks. So kann auch einem nicht der Justiz bekannten, hilfesuchenden Menschen mit einer sexuellen Erregbarkeit auf kindliche Reize therapeutische Hilfe angeboten werden, um (erneute) Übergriffe zu verhindern. Sonst blieben diese Menschen für eine Therapie unerreichbar. Aus präventiver Sicht ist also diese Gesetzeslage in Deutschland in hohem Maße zu begrüßen.
Besteht eine akute Gefahr für ein Kind, suchen wir zuerst gemeinsam mit der Person nach Wegen, das Kind zu schützen. Wir können uns ohne Namensnennung von einer Kinderschutzfachkraft beraten lassen. Lässt sich die Gefahr anders nicht abwenden, informieren wir das Jugendamt; darauf weisen wir vorher hin, wenn das den Schutz des Kindes nicht gefährdet. Bei dringender Gefahr informieren wir das Jugendamt unverzüglich. Ist die Person selbst in akuter Gefahr, steht ihre Sicherheit an erster Stelle.
Ziel der Therapie ist, dass es nicht zu sexuellen Übergriffen auf Kinder und nicht zur Nutzung von Missbrauchsabbildungen (juristisch: kinderpornografische Inhalte) kommt. Außerdem soll es den Menschen in Behandlung psychisch besser gehen. Von einem Erfolg kann man sprechen, wenn das gelingt und auf die Therapie zurückgeht.
Was die Forschung bisher zeigt:
- Bei Menschen, die bereits Sexualstraftaten begangen hatten, geht eine spezialisierte Behandlung mit weniger erneuten Sexualstraftaten einher, im Mittel um etwa ein Drittel (Gannon et al., 2019). Ob das auch für Menschen gilt, die sich freiwillig und ohne Verfahren melden, ist noch nicht belegt.
- Das Netzwerk erreicht Menschen, deren Taten der Justiz nicht bekannt sind: Keine der Taten, die Teilnehmende der ersten Berliner Studie berichteten, war den Behörden bekannt (Beier et al., 2015).
- In Studien des Netzwerks gingen Risikofaktoren während der Therapie nachweislich zurück, etwa Einstellungen, die Missbrauch begünstigen, und Schwierigkeiten, sich selbst zu steuern (Beier et al., 2015; Engel et al., 2018). Die Studien sind klein und hatten keine zufällig zugeteilte Vergleichsgruppe. Eine Nachauswertung fand keinen gesicherten Unterschied zu einer Wartegruppe (Mokros & Banse, 2019).
- In einer Nachbefragung früherer Teilnehmender in Berlin hielt ein Teil der Verbesserungen an. Von 26 Männern, die vor der Therapie Übergriffe begangen hatten, berichteten 2 von erneuten Übergriffen; wer vorher keine Übergriffe begangen hatte, berichtete keine. Missbrauchsabbildungen nutzten die meisten früheren Nutzer erneut, oft seltener und weniger schwere Inhalte (Beier et al., 2024). In einer Stichprobe aus Hamburg und Bamberg berichteten 14 % der Personen mit früheren Übergriffen erneute Übergriffe und 39 % derer, die früher Missbrauchsabbildungen genutzt hatten, eine erneute Nutzung (von Franqué et al., 2023). Alle diese Zahlen beruhen auf Selbstauskünften. Ohne Vergleichsgruppe lässt sich nicht sagen, wie viele Taten es ohne Therapie gegeben hätte.
- Erste Studien mit zufälliger Zuteilung bei Hilfesuchenden, vor allem aus Schweden, zeigen kurzfristige Effekte auf sexuelle Impulse und Risikowerte (Landgren et al., 2020; McMahan et al., 2026).
Ob die Therapie Taten verhindert, wird derzeit wissenschaftlich geprüft. Das Angebot wird unabhängig evaluiert. Die Bundesregierung schrieb 2025, erste Zwischenergebnisse deuteten auf positive Effekte hin, reichten für eine fundierte Beurteilung aber noch nicht aus (Deutscher Bundestag, 2025, S. 167).
Nachsorgegruppen können helfen, Erreichtes zu halten. Ohne weitere Begleitung können Verbesserungen nachlassen (Beier et al., 2024).
Quellen (9)
- Beier, K. M., Grundmann, D., Kuhle, L. F., Scherner, G., Konrad, A., & Amelung, T. (2015). The German Dunkelfeld Project: A pilot study to prevent child sexual abuse and the use of child abusive images. The Journal of Sexual Medicine, 12(2), 529–542. https://doi.org/10.1111/jsm.12785
- Beier, K. M., Nentzl, J., von Heyden, M., Fishere, M., & Amelung, T. (2024). Preventing child sexual abuse and the use of child sexual abuse materials: Following up on the German Prevention Project Dunkelfeld. Journal of Prevention, 45(6), 881–900. https://doi.org/10.1007/s10935-024-00792-0
- Deutscher Bundestag (2025). Entwurf eines Gesetzes zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege. Gesetzentwurf der Bundesregierung (Drucksache 21/1511), S. 167. dserver.bundestag.de/btd/21/015/2101511.pdf
- Engel, J., Körner, M., Schuhmann, P., Krüger, T. H. C., & Hartmann, U. (2018). Reduction of risk factors for pedophilic sexual offending. The Journal of Sexual Medicine, 15(11), 1629–1637. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2018.09.001
- Gannon, T. A., Olver, M. E., Mallion, J. S., & James, M. (2019). Does specialized psychological treatment for offending reduce recidivism? A meta-analysis examining staff and program variables as predictors of treatment effectiveness. Clinical Psychology Review, 73, 101752. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2019.101752
- Landgren, V., Malki, K., Bottai, M., Arver, S., & Rahm, C. (2020). Effect of gonadotropin-releasing hormone antagonist on risk of committing child sexual abuse in men with pedophilic disorder: A randomized clinical trial. JAMA Psychiatry, 77(9), 897–905. https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2020.0440
- McMahan, A., Joleby, M., Andersson, G., Letourneau, E. J., Seto, M. C., Luke, T. J., & Rahm, C. (2026). An international randomized waitlist-controlled trial of internet-delivered cognitive behavioral therapy for sexual urges toward children. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 94(7), 425–436. https://doi.org/10.1037/ccp0001019
- Mokros, A., & Banse, R. (2019). The “Dunkelfeld” Project for self-identified pedophiles: A reappraisal of its effectiveness. The Journal of Sexual Medicine, 16(5), 609–613. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2019.02.009
- von Franqué, F., Bergner-Koether, R., Schmidt, S., Pellowski, J. S., Peters, J. H., Hajak, G., & Briken, P. (2023). Individuals under voluntary treatment with sexual interest in minors: What risk do they pose? Frontiers in Psychiatry, 14, 1277225. Korrigiert 2024 und 2025. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2023.1277225
Ziel der Therapie ist, dass es nicht zu sexuellen Übergriffen auf Kinder und nicht zur Nutzung von Missbrauchsabbildungen (juristisch: kinderpornografische Inhalte) kommt. Außerdem soll es den Menschen in Behandlung psychisch besser gehen. Von einem Erfolg kann man sprechen, wenn das gelingt und auf die Therapie zurückgeht.
Was die Forschung bisher zeigt:
- Bei Menschen, die bereits Sexualstraftaten begangen hatten, geht eine spezialisierte Behandlung mit weniger erneuten Sexualstraftaten einher, im Mittel um etwa ein Drittel (Gannon et al., 2019). Ob das auch für Menschen gilt, die sich freiwillig und ohne Verfahren melden, ist noch nicht belegt.
- Das Netzwerk erreicht Menschen, deren Taten der Justiz nicht bekannt sind: Keine der Taten, die Teilnehmende der ersten Berliner Studie berichteten, war den Behörden bekannt (Beier et al., 2015).
- In Studien des Netzwerks gingen Risikofaktoren während der Therapie nachweislich zurück, etwa Einstellungen, die Missbrauch begünstigen, und Schwierigkeiten, sich selbst zu steuern (Beier et al., 2015; Engel et al., 2018). Die Studien sind klein und hatten keine zufällig zugeteilte Vergleichsgruppe. Eine Nachauswertung fand keinen gesicherten Unterschied zu einer Wartegruppe (Mokros & Banse, 2019).
- In einer Nachbefragung früherer Teilnehmender in Berlin hielt ein Teil der Verbesserungen an. Von 26 Männern, die vor der Therapie Übergriffe begangen hatten, berichteten 2 von erneuten Übergriffen; wer vorher keine Übergriffe begangen hatte, berichtete keine. Missbrauchsabbildungen nutzten die meisten früheren Nutzer erneut, oft seltener und weniger schwere Inhalte (Beier et al., 2024). In einer Stichprobe aus Hamburg und Bamberg berichteten 14 % der Personen mit früheren Übergriffen erneute Übergriffe und 39 % derer, die früher Missbrauchsabbildungen genutzt hatten, eine erneute Nutzung (von Franqué et al., 2023). Alle diese Zahlen beruhen auf Selbstauskünften. Ohne Vergleichsgruppe lässt sich nicht sagen, wie viele Taten es ohne Therapie gegeben hätte.
- Erste Studien mit zufälliger Zuteilung bei Hilfesuchenden, vor allem aus Schweden, zeigen kurzfristige Effekte auf sexuelle Impulse und Risikowerte (Landgren et al., 2020; McMahan et al., 2026).
Ob die Therapie Taten verhindert, wird derzeit wissenschaftlich geprüft. Das Angebot wird unabhängig evaluiert. Die Bundesregierung schrieb 2025, erste Zwischenergebnisse deuteten auf positive Effekte hin, reichten für eine fundierte Beurteilung aber noch nicht aus (Deutscher Bundestag, 2025, S. 167).
Nachsorgegruppen können helfen, Erreichtes zu halten. Ohne weitere Begleitung können Verbesserungen nachlassen (Beier et al., 2024).
Quellen (9)
- Beier, K. M., Grundmann, D., Kuhle, L. F., Scherner, G., Konrad, A., & Amelung, T. (2015). The German Dunkelfeld Project: A pilot study to prevent child sexual abuse and the use of child abusive images. The Journal of Sexual Medicine, 12(2), 529–542. https://doi.org/10.1111/jsm.12785
- Beier, K. M., Nentzl, J., von Heyden, M., Fishere, M., & Amelung, T. (2024). Preventing child sexual abuse and the use of child sexual abuse materials: Following up on the German Prevention Project Dunkelfeld. Journal of Prevention, 45(6), 881–900. https://doi.org/10.1007/s10935-024-00792-0
- Deutscher Bundestag (2025). Entwurf eines Gesetzes zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege. Gesetzentwurf der Bundesregierung (Drucksache 21/1511), S. 167. dserver.bundestag.de/btd/21/015/2101511.pdf
- Engel, J., Körner, M., Schuhmann, P., Krüger, T. H. C., & Hartmann, U. (2018). Reduction of risk factors for pedophilic sexual offending. The Journal of Sexual Medicine, 15(11), 1629–1637. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2018.09.001
- Gannon, T. A., Olver, M. E., Mallion, J. S., & James, M. (2019). Does specialized psychological treatment for offending reduce recidivism? A meta-analysis examining staff and program variables as predictors of treatment effectiveness. Clinical Psychology Review, 73, 101752. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2019.101752
- Landgren, V., Malki, K., Bottai, M., Arver, S., & Rahm, C. (2020). Effect of gonadotropin-releasing hormone antagonist on risk of committing child sexual abuse in men with pedophilic disorder: A randomized clinical trial. JAMA Psychiatry, 77(9), 897–905. https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2020.0440
- McMahan, A., Joleby, M., Andersson, G., Letourneau, E. J., Seto, M. C., Luke, T. J., & Rahm, C. (2026). An international randomized waitlist-controlled trial of internet-delivered cognitive behavioral therapy for sexual urges toward children. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 94(7), 425–436. https://doi.org/10.1037/ccp0001019
- Mokros, A., & Banse, R. (2019). The “Dunkelfeld” Project for self-identified pedophiles: A reappraisal of its effectiveness. The Journal of Sexual Medicine, 16(5), 609–613. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2019.02.009
- von Franqué, F., Bergner-Koether, R., Schmidt, S., Pellowski, J. S., Peters, J. H., Hajak, G., & Briken, P. (2023). Individuals under voluntary treatment with sexual interest in minors: What risk do they pose? Frontiers in Psychiatry, 14, 1277225. Korrigiert 2024 und 2025. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2023.1277225
Für Behandelnde gilt die Schweigepflicht wie in jeder ärztlichen oder psychotherapeutischen Behandlung (§ 203 StGB). Für zurückliegende Taten gibt es keine Anzeigepflicht. Diese Vertraulichkeit ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen über Taten sprechen, von denen sonst niemand weiß, und dass daran gearbeitet werden kann. In einer Befragung von Menschen mit sexuellem Interesse an Kindern nannten viele die Unsicherheit über die Vertraulichkeit als eine Hürde, Hilfe zu suchen (Levenson & Grady, 2019).
Die Therapie schützt nicht vor Strafverfolgung. Taten während der Behandlung werden in der Therapie bearbeitet; der Schutz des betroffenen Kindes steht dabei an erster Stelle. Dafür gibt es in der Berliner Dissexualitätstherapie das veröffentlichte Zusatzmodul „Kinderschutz und Verantwortungsübernahme“: Die Schritte, die eine Person mit Unterstützung der Behandelnden gehen kann, reichen davon, eine erwachsene Bezugsperson oder Sorgeberechtigte einzuweihen und Hilfe für das Kind in die Wege zu leiten, über die Beratung durch eine Kinderschutzfachkraft bis zur Information des Jugendamts oder einer gemeinsam abgewogenen Selbstanzeige (Grundmann et al., 2021).
Ist ein Kind gefährdet und lässt sich die Gefahr nicht anders abwenden, informieren wir das Jugendamt. Bei dringender Gefahr informieren wir das Jugendamt unverzüglich.
Quellen (3)
- Grundmann, D., Scherner, G., & Ulrich, H. (2021). Ein Zusatzmodul für die Berliner Dissexualitätstherapie (BEDIT): Kinderschutz und Verantwortungsübernahme. Sexuologie, 28(3–4), 181. https://doi.org/10.61387/S.2021.34.40
- Levenson, J. S., & Grady, M. D. (2019). Preventing sexual abuse: Perspectives of minor-attracted persons about seeking help. Sexual Abuse, 31(8), 991–1013. https://doi.org/10.1177/1079063218797713
- § 203 Strafgesetzbuch (Verletzung von Privatgeheimnissen). www.gesetze-im-internet.de/stgb/__203.html
Die Behandlung ist durchgehend unter einem Pseudonym möglich, vom ersten Kontakt bis zur Therapie. Viele Menschen fürchten Stigmatisierung oder andere Nachteile, wenn sie sich mit einer pädophilen Störung unter ihrem Namen, etwa über die Krankenkasse, registrieren müssten, auch wenn sie nie eine Tat begangen haben. In Befragungen nannten Menschen in Behandlung wegen Sexualdelikten und Menschen mit sexuellem Interesse an Kindern die Sorge um Vertraulichkeit und vor rechtlichen Folgen als wichtige Hürde, Hilfe zu suchen (Levenson & Grady, 2019; Levenson et al., 2017). Der Gesetzgeber verlangt, die Anonymität der Patientinnen und Patienten zu gewährleisten (§ 65d SGB V).
Anonymität erschwert allerdings die Überprüfung, weil sich Daten aus Strafregistern nur mit Einwilligung abgleichen ließen. Wie die Wirkung trotzdem gemessen wird, steht unter „Warum wird die Wirkung über Selbstauskünfte gemessen?“.
Quellen (3)
- Levenson, J. S., & Grady, M. D. (2019). Preventing sexual abuse: Perspectives of minor-attracted persons about seeking help. Sexual Abuse, 31(8), 991–1013. https://doi.org/10.1177/1079063218797713
- Levenson, J. S., Willis, G. M., & Vicencio, C. P. (2017). Obstacles to help-seeking for sexual offenders: Implications for prevention of sexual abuse. Journal of Child Sexual Abuse, 26(2), 99–120. https://doi.org/10.1080/10538712.2016.1276116
- § 65d SGB V (Förderung besonderer Therapiemaßnahmen im Rahmen von Modellvorhaben), Abs. 2 und 3. www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__65d.html
Die Richtlinien des Collaborative Outcome Data Committee (2007) fordern, offiziell bekannt gewordene Straftaten zu erfassen. Im Dunkelfeld geht das kaum: Der Abgleich mit Strafregistern setzt die Einwilligung der Person voraus, die dann nicht mehr anonym ist. Und nur ein kleiner Teil sexueller Übergriffe wird angezeigt, je nach Art der Tat etwa 12 bis 18 Prozent (Stadler et al., 2012).
Deshalb wird die Wirkung vor allem über Selbstauskünfte und über Veränderungen bei Risikofaktoren gemessen, etwa bei Einstellungen oder Empathie (Beier et al., 2024; von Franqué et al., 2023). Selbstauskünfte haben Grenzen: Taten können verschwiegen oder beschönigt werden. Strafregister bilden das Geschehen aber ebenfalls nur zu einem kleinen Teil ab. Unabhängig geprüft wird die Arbeit durch die externe Evaluation (siehe „Wer prüft die Arbeit unabhängig?“).
Quellen (4)
- Beier, K. M., Nentzl, J., von Heyden, M., Fishere, M., & Amelung, T. (2024). Preventing child sexual abuse and the use of child sexual abuse materials: Following up on the German Prevention Project Dunkelfeld. Journal of Prevention, 45(6), 881–900. https://doi.org/10.1007/s10935-024-00792-0
- Collaborative Outcome Data Committee. (2007). The Collaborative Outcome Data Committee’s guidelines for the evaluation of sexual offender treatment outcome research. Part 2: CODC guidelines (Corrections Research User Report 2007-03). Public Safety Canada. publications.gc.ca/collection_2008/ps-sp/PS3-1-2007-3E.pdf
- Stadler, L., Bieneck, S., & Pfeiffer, C. (2012). Repräsentativbefragung Sexueller Missbrauch 2011 (Forschungsbericht Nr. 118). Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen. kfn.de/wp-content/uploads/Forschungsberichte/FB_118.pdf
- von Franqué, F., Bergner-Koether, R., Schmidt, S., Pellowski, J. S., Peters, J. H., Hajak, G., & Briken, P. (2023). Individuals under voluntary treatment with sexual interest in minors: What risk do they pose? Frontiers in Psychiatry, 14, 1277225. Korrigiert 2024 und 2025. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2023.1277225
Die meisten veröffentlichten Daten stammen aus Studien des Netzwerks selbst. In der Forschung zur Behandlung von Menschen mit Sexualdelikten berichten Studien von Programmbeteiligten im Mittel größere Effekte als unabhängige (Holper et al., 2024). Deshalb ist die externe Evaluation wichtig. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen hat die Technische Universität Chemnitz beauftragt, alle Modellvorhaben nach § 65d SGB V zu untersuchen (TU Chemnitz, o. J.). Der Bericht der unabhängigen Sachverständigen muss veröffentlicht werden (§ 65d Abs. 3 SGB V). Der Abschlussbericht wird für Ende 2026 erwartet.
Quellen (3)
- Holper, L., Mokros, A., & Habermeyer, E. (2024). Moderators of sexual recidivism as indicator of treatment effectiveness in persons with sexual offense histories: An updated meta-analysis. Sexual Abuse, 36(3), 255–291. https://doi.org/10.1177/10790632231159071
- § 65d SGB V (Förderung besonderer Therapiemaßnahmen im Rahmen von Modellvorhaben), Abs. 2 und 3. www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__65d.html
- TU Chemnitz, Professur für Klinische Psychologie und Psychotherapie. (o. J.). Evaluation nach § 65d SGB V. tu-chemnitz.de/hsw/psychologie/professuren/klinpsy/forschung/§65d/
Behandlungen können je nach individuellem Risiko unterschiedlich wirken. Forschung mit Menschen, die bereits Sexualstraftaten begangen hatten, zeigt: Spezialisierte Behandlung wirkt besser als unspezifische, vor allem bei mittlerem und hohem Risiko; bei niedrigem Risiko kann Behandlung die Rückfallrate sogar erhöhen (Holper et al., 2024). Auf Menschen, die nie straffällig wurden, lassen sich diese Ergebnisse nur eingeschränkt übertragen.
Die Behandlung im Netzwerk orientiert sich deshalb am Risk-Need-Responsivity-Prinzip: Die Intensität der Hilfe passt zum individuellen Risiko, die Therapie setzt an den Faktoren an, die das Risiko für Übergriffe erhöhen, etwa bestimmte Denkweisen oder mangelnde Impulskontrolle, und die Art der Hilfe wird an Fähigkeiten, Motivation und Lernstil der Person angepasst. Viele Menschen in Behandlung haben, auch wenn sie der Justiz nie bekannt geworden sind, ein hohes selbstberichtetes Risiko (von Franqué et al., 2023). In einer randomisierten Studie mit Menschen, die anonym Missbrauchsabbildungen (juristisch: kinderpornografische Inhalte) nutzten, ging die angegebene Nutzungszeit mit einer internetgestützten Therapie etwas stärker zurück als in der Vergleichsgruppe (Lätth et al., 2022). Was Studien zur Wirkung der Therapie insgesamt zeigen, steht unter „Was ist ein Erfolg?“.
Quellen (3)
- Holper, L., Mokros, A., & Habermeyer, E. (2024). Moderators of sexual recidivism as indicator of treatment effectiveness in persons with sexual offense histories: An updated meta-analysis. Sexual Abuse, 36(3), 255–291. https://doi.org/10.1177/10790632231159071
- Lätth, J., Landgren, V., McMahan, A., Sparre, C., Eriksson, J., Malki, K., Söderquist, E., Görts Öberg, K., Rozental, A., Andersson, G., Kaldo, V., Långström, N., & Rahm, C. (2022). Effects of internet-delivered cognitive behavioral therapy on use of child sexual abuse material: A randomized placebo-controlled trial on the Darknet. Internet Interventions, 30, 100590. https://doi.org/10.1016/j.invent.2022.100590
- von Franqué, F., Bergner-Koether, R., Schmidt, S., Pellowski, J. S., Peters, J. H., Hajak, G., & Briken, P. (2023). Individuals under voluntary treatment with sexual interest in minors: What risk do they pose? Frontiers in Psychiatry, 14, 1277225. Korrigiert 2024 und 2025. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2023.1277225
Die Therapie soll sexuelle Übergriffe auf Kinder und die Nutzung von Missbrauchsabbildungen (juristisch: kinderpornografische Inhalte) verhindern. Sie setzt an, bevor Kinder geschädigt werden, und wirkt wiederholtem Missbrauch entgegen. Hilfe für Betroffene und Prävention bei möglichen Tätern schließen sich nicht aus; beide sind nötig. Die gesetzlichen Krankenkassen fördern die Modellvorhaben derzeit mit insgesamt fünf Millionen Euro im Jahr, befristet bis Ende 2027 (§ 65d Abs. 1 SGB V). Ob die Behandlung dauerhaft von den Krankenkassen getragen wird, soll auf Grundlage der abschließenden Evaluationsergebnisse diskutiert werden (Deutscher Bundestag, 2025).
Sexueller Missbrauch verursacht neben dem Leid der Betroffenen hohe Folgekosten, etwa für Behandlung, Jugendhilfe und Erwerbsausfall. Eine US-Studie schätzt sie auf durchschnittlich rund 280.000 US-Dollar über das Leben eines betroffenen Mädchens (Letourneau et al., 2018). Für Deutschland werden die jährlichen Folgekosten von Misshandlung, Vernachlässigung und Missbrauch in der Kindheit auf 11 bis 30 Milliarden Euro geschätzt (Habetha et al., 2012). Schon eine vergleichsweise kleine Zahl verhinderter Taten würde die Förderung rechnerisch aufwiegen. Ob und wie viele Taten die Therapie verhindert, wird derzeit wissenschaftlich geprüft.
Quellen (3)
- Deutscher Bundestag (2025). Entwurf eines Gesetzes zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege. Gesetzentwurf der Bundesregierung (Drucksache 21/1511), S. 167. dserver.bundestag.de/btd/21/015/2101511.pdf
- Habetha, S., Bleich, S., Weidenhammer, J., & Fegert, J. M. (2012). A prevalence-based approach to societal costs occurring in consequence of child abuse and neglect. Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health, 6, 35. https://doi.org/10.1186/1753-2000-6-35
- Letourneau, E. J., Brown, D. S., Fang, X., Hassan, A., & Mercy, J. A. (2018). The economic burden of child sexual abuse in the United States. Child Abuse & Neglect, 79, 413–422. https://doi.org/10.1016/j.chiabu.2018.02.020
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